BÜCHER 4/2010

BÜCHER auf


Heft 2/2007

Pubertär & philosophisch

 

 

Bücher über das Erwachsenwerden gibt es wie Sand am Meer. Doch kaum eines kommt so witzig-weise daher wie Beate Döllings furioser Erkenntnisroman »Alles bestens«.

 

 

Text: Sigrid Jürgens

Fotos: Filippo Cirri

 

Coming-of-age-Drama, Adoleszensroman, Pubertätsgeschichte? Auch wenn Friedrich Schiller meinte, »Kinder sind, was wir waren; sie sind, was wir wieder werden sollen«, kann uns letztlich doch keiner davor bewahren, erwachsen zu werden ...

 

Einfach ist der Übergang von der Kindheit in das Erwachsenenalter selten. Und nicht nur Psychologen und Pädagogen, Lehrer und Literaten, Erzieher und Eltern können ein Lied davon singen, was alles passiert, wenn junge Menschen in die Sturm-undDrang-Phase kommen. Denn mit der Loslösung von der Familie, der Selbstentdeckung und dem Eintritt in die Selbstständigkeit beginnt eine Zeit voller Abenteuer – Ausrutscher garantiert.

 

»Von einem Tag auf den anderen wird der sichere Boden der Kindheit unter den Füßen weggezogen. Alles muss auf den Prüfstand«, beschreibt Pubertätsforscher Peer Wüschner diese Lebensphase. »Die Zentren für die Verarbeitung von Eindrücken, Gefühlen und Reaktionen werden umgebaut. Einige Gehirnforscher sprechen von der Pubertät deshalb auch als zweiter Geburt.« Und weil jede Geburt nicht nur neues Leben bedeutet, sondern auch mit Schmerz einhergeht, geht es im jugendlichen Gehirn so richtig rund: »Das Frontalhirn, das für bedachtsames Handeln, die Abwägung von Entscheidungen u. a. zuständig ist, wird neu strukturiert. Die Leitungsbahnen müssen erst ausgebaut werden.« Die Folge?

 

»Jugendliche brauchen stärkere Reize, um sich gut zu fühlen, als Kinder oder Erwachsene. Deswegen sind sie auch Risiken und Verbotenem gegenüber aufgeschlossen«, erklärt Wüschner. »Sie geben ihnen die Stimulanz, die sie brauchen …« Und manchmal ist die dafür nötige Dosis so heftig, dass bei Eltern der Wunsch aufkommen mag, den Nachwuchs mit zwölf Jahren einzufrieren und erst mit 18 wieder aufzutauen.

 


 

»Alles bestens« von Beate Dölling erzählt von eben diesem Abenteuer der zweiten Geburt. Ihr jugendlicher Held: Johannes Richard Ephraim Springborn, 16 Jahre jung, Schüler der Klasse 10 a des Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Berlin-Zehlendorf, dem Berliner Wohlstandsmekka für Einfamilienhausbesitzer mit Flachbildfernseher und Wäschetrockner. Johannes ist der einzige Sprössling einer Psychoanalytikerin und eines Chirurgen. Wohlbehütet und zumindest materiell bestens versorgt.

 

Doch eben dieser gutbürgerliche Johannes nimmt, ohne es geplant zu haben, Reißaus. Und das eigentlich nur, weil er den Abfahrtstermin für seine Klassenfahrt verpennt. Die Eltern sind auf Kongressen oder geben es zumindest vor. Die Uhr schlägt 7.50, um 8 Uhr hätte sich Schüler Johannes am Bahnhof Zoo einfinden sollen. Beschwingt vom Blick in den Spiegel, aus dem ihn plötzlich kein »stinkender kleiner Alien« mehr anblickt, sondern »ein echter Kerl mit Weltblick«, beschließt Johannes, die Klassenfahrt sausen zu lassen. Ein Anruf mit verstellter Vaterstimme in der Schule, und die Freiheit ist sein. Doch es kommt anders: Johannes sperrt sich versehentlich aus – lediglich mit einer Unterhose am Leib steht er vor seinem Elternhaus, und niemand ist da, der ihm aus der Patsche helfen kann. Das ist für Beate Dölling der Auftakt, ihren Helden auf eine dreitägige Odyssee durch Berlin zu schicken, die mit einer großen Portion Komik und Tragik aus dem kakaotrinkenden Sohnemann einen gereiften jungen Mann machen wird. Zwischen Schlachtensee und Alexanderplatz, Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Spreeufer, skurrilen Begegnungen und etlichen Räuschen wird Johannes zum zweiten Mal geboren und lernt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

 

Beate Dölling spiegelt Joachims Erfahrungstrip dabei an einem prominenten Beispiel der amerikanischen Literatur: J. D. Salingers Kultroman »Der Fänger im Roggen« (1951) und dessen berühmt-berüchtigten Held Holden Caufield. Holden ist wie Joachim 16 und streift, nachdem er erneut von einem Internat geflogen ist, drei Tage allein durch New York, um die unangenehme Neuigkeit seinen Eltern noch etwas vorzuenthalten. Angeekelt von der verlogenen, scheinheiligen Welt der Erwachsenen und unverstanden von anderen Gleichaltrigen lässt er sich durch Manhattan treiben, raucht, trinkt, räsoniert, trifft eitle Frauen und verlogene Männer, erlebt absurde Situationen und hasst die ganze Welt und am Ende wohl am meisten sich selbst. Zum Schluss erlebt er einen Nervenzusammenbruch und landet in einer Anstalt.

 

Vor über einem halben Jahrhundert erschien Salingers Roman und schlug ein wie eine Bombe. Innerhalb von nur zwei Wochen erlebte er fünf Neuauflagen und erreichte innerhalb von zwei Jahren eine Weltauflage von zehn Millionen Büchern. »Der Fänger im Roggen« provozierte und entfesselte mit seiner radikalen Gesellschaftskritik über Jahrzehnte hinweg kontroverse Diskussionen. In Australien und Südamerika war der Roman zeitweise verboten, und in den USA durften amerikanische Bibliotheken das Buch noch bis in die 70er Jahre nur an Erwachsene verleihen. Holden Caufield, der personifizierte Widerspruch zum Traum des »American Hero« galt schließlich als verwerflich. Einer für Verrückte und Versager, Aussteiger und Atheisten … Trug doch z. B. Mark David Chapman, der Mörder von John Lennon, den »Fänger im Roggen« wie eine Bibel bei sich …

 

Heute zählt »Der Fänger im Roggen« längst zum Schulkanon. Von Lehrern immer wieder gern gelesen, weil der Plot junge Schüler erfahrungsgemäß anspricht. Auch Johannes kennt Holden aus dem Unterricht: »Plötzlich musste ich an diesen armen Irren denken, den wir im letzten Winter in Englisch behandelt hatten, Holden Caufield, aus »The Catcher in the Rye«. … Irgend so ein Idiot fliegt zum vierten Mal von der Schule und tingelt ein paar Tage in New York herum, bevor er heimlich nach Hause geht und dann in die Klapse kommt. Muss man so eine Karriere noch breittreten? … Trotzdem ging mir dieser Typ nicht aus dem Kopf«, muss sich Johannes eingestehen. Dieser »miese verklemmte Feigling«. Wenig später stellt sich Johannes auf seiner Berliner Odyssee seiner zweiten Mädchenbekanntschaft gar als Holden vor. Denn »der war ziemlich intelligent für sein Alter, hat die Schule boykottiert und gecheckt, wie verlogen alles ist«. Und: »Er hat sein Leben selbst in die Hand genommen.« Beate Dölling verwebt Johannes’ Streifzug durch Berlin geschickt mit Holdens New-York-Trip. Während Johannes alias Holden mit der gepiercten Neubekanntschaft Sandra II. eine Joint-Toast- und Nutella-Party am Prenzlauer Berg besucht und von seiner ersten sexuellen Eroberung träumt, harrt der wahre Holden gerade in einem schmierigen Hotel seiner Entjungferung durch eine Prostituierte. Natürlich kommt Johannes nicht zum Zug und auch Holden überlegt es sich noch mal anders und bezieht schlussendlich statt Streicheleinheiten nur Prügel.

 

Erst nach zwei Tagen und zwei Nächten, Höhenflügen und Niederlagen und der Begegnung mit Sandra III nennt sich Johannes wieder beim Namen. Beim Anblick von Sandra III, dem Mädchen mit der Zahnspalte, »durch die sie bestimmt wunderbar Spaghetti flutschen lassen kann«. Zum ersten Mal in seinem Leben spürt er, dass er »nicht nur aus Kopf und Schwanz« besteht, sondern etwas in ihm ist, was ihn zum Fliegen bringt. »Ein verschluckter Flügel oder so was …« Doch vor dem Happy End kommt es zum Showdown: Während der echte Holden klein, nass und whiskytrunken nach Hause wankt, um sich kurz darauf auf die Couch eines Psychologen zu legen, spült es Johannes auf der verzweifelten Suche nach Sandra III in eine Straßenparty von Pennern und Punks und letztlich in die Ausnüchterungszelle der Polizei …

 

Die Katharsis folgt: In einer Besinnungswoche mit den Eltern kommt es nicht nur zur familiären Versöhnung, sondern auch zur neuen Selbstbestimmung, zum Auszug und zum Happy End mit Sandra III. »Alles bestens« heißt Beate Döllings Roman schließlich, in dem der Humor sich im Gegensatz zum »Fänger im Roggen« als Lebensretter erweist und die Lust auf das Abenteuer Leben so richtig wachgekitzelt wird. Im Gegensatz zu Holden will sich Johannes nicht glatt bügeln lassen, sondern sein Leben mit allen Ecken und Kanten in die Hand nehmen. Denn er hat kapiert: »Man verliert schon so viel im Leben – die Kindheit, die Eltern, letztendlich sogar das Leben selbst. Da kann man doch seine Macken nicht noch gratis an irgend so einen Psy abgeben.«

 

 

Lesetipps:

 

Neue Seiten für pubertätsgeplagte Menschen:

Beate Dölling: Alles Bestens, Beltz & Gelberg, 176 Seiten, 12,90 Euro, ab 13 Jahren

John Green: Eine wie Alaska, Hanser, 288 Seiten, 16,90 Euro, ab 13 Jahren

J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen, Rowohlt, 296 Seiten, 6,90 Euro, ab 15 bis 99 Jahren

Andreas Schendel: Dann tu’s doch, Hanser, 160 Seiten, 14,90 Euro, ab 13 Jahren

Christiane Thiel: Das Jahr, in dem ich 13 einhalb war, 160 Seiten, Gulliver, 6,50 Euro, ab 12 Jahren

 

Nur für Jungen:

Andreas Hauffe: Echt krass!, aus der Reihe »Für Mädchen verboten«, Thienemann, 160 Seiten, 8,90 Euro, ab 12 Jahren

 

Nur für Mädchen:

Francine Oomen: Rosas schlimmste Jahre, Wie überlebe ich meinen ersten Kuss?, Bd. 1 einer neuen Reihe, Ravensburger, 185 Seiten, 9,95 Euro, ab 12 Jahren

 

Und ein Tipp für pubertätsgestresste Eltern:

Peer Wüschner: Grenzerfahrung Pubertät, Neues Überlebenstraining für Eltern,

Eichborn, 214 Seiten, 13,90 Euro