BÜCHER 4/2010

BÜCHER auf


Heft 1/2010

GESICHTER & GESCHICHTEN

 

 

Im Bücherhimmel von Manhattan

 

 

 

Die New York Public Library ist die wohl berühmteste Bibliothek der Welt. Und gleich daneben steht das Hotel zum Buch: Reisereportage aus dem Bücherhimmel.

 

 

 

Von Belinda Steiert (Text)

Ralf Schultheiss (Fotos)

 

 

 

 


Der Bücherhimmel hat eine Beaux-Arts-Fassade aus fast meterdicken Marmorblöcken und steht an der Ecke 42ste Straße und 5th Avenue, Manhattan, New York City. In diesen Himmel kommt jeder – durch ein zwölf Meter hohes Portal mit einem vier Meter hohen Bronzetor –, der Information, Wissen, Bildung, vielleicht sogar Erlösung sucht: Mehr als elf Millionen Bücher birgt die legendäre New York Public Library, erbaut von 1899 bis 1911 vom Geld des steinreichen Gouverneurs und Advokaten Samuel Tilden. Die erste Gutenberg-Bibel der neuen Welt gibt es hier, jede Woche kommen 10 000 weniger berühmte Werke dazu. Was fehlt in dieser weltberühmten Sammlung von Geist und Papier, zum Beispiel ein Bett, vermietet Henry Kallan einen Block östlich ab 285 US-Dollar pro Nacht, inklusive Frühstück. Wenn die NYPL der Bücherhimmel ist, dann ist das Library Hotel des tschechischen Einwanderers an der 41sten Straße Ecke Madison der Wartesaal zum Paradies.

 

Wer das Library Hotel betritt, sieht wie in jeder gediegenen anderen Lobby dunkle Hölzer und exotische Blumengestecke. Was er nirgends auf der Welt sonst noch zu sehen bekommt: meterweise Bücherregale und hinter dem Empfang eine ganze Wand aus Karteikartenschubladen, die das Verzeichnis der 6000 hoteleigenen Bücher locker aufnehmen könnten. Jedes einzelne der 60 Zimmer verfügt über eine Privatbibliothek, die nach dem in den angelsächsischen Ländern üblichen Dewey Dezimalsystem korrekt klassifiziert ist. Melvil Dewey, der 1931 gestorbene Bibliothekar, verfeinerte eine Erfindung des deutschen Universalgenies Gottfried Wilhelm Leibniz: Die Bestände einer Bibliothek werden von 000 (Informatik, Informationswissenschaften, allgemeine Werke) bis 900 (Geschichte und Geografie) geordnet. Dewey nach Art des Library Hotels bedeutet, dass jede Etage des verschnörkelten Ziegelbaus ein eigenes Thema bedient. Die dritte Etage ist zum Beispiel den Sozialwissenschaften (300) vorbehalten, wer die Unterkategorie 300.005 auswählt, logiert im Geld-Zimmer.

 


Man checkt ein auf der Etage der Wissenschaften, Sprachen, Künste, Literatur oder Geschichte. In der elften Etage (Philosophie) wählt der Gast zwischen Liebe, Paranormalem, Psychologie, Ethik oder Logik. Neil Armstrong übrigens, einer, der dem Himmel ziemlich nahe kam, bevorzugte die Astronomie-Suite. Irdisch orientiertere Gemüter mögen sich im achten Stock (800 – Literatur) mit dem Gemach der Erotik (Unterkategorie 001) befreunden.

 

Den spektakulären Blick über den Library Way hinüber zum Bücherhimmel, zur NYPL, gibt der Fashion Room (Junior Suite 706) frei. Dort steht im verglasten Erker der Champagner bereit, neben dem Kühler eine weiße Orchidee. Auf dem King-Size-Bett räkeln sich halb aufgeblättert Audrey, Grace und Marilyn. Das Schaumbad ist eingelassen und verspricht treibsandiges Wohlbehagen. Was dazu verführt, sich den Superlativen der Bibliothek von diesem bequemen Aussichtspunkt aus theoretisch zu nähern, während man, bequem aufgestützt, gelegentlich am Glas nippt und mit den Bläschen die Fakten aufsteigen lässt: Jedes Jahr besuchen 15 Millionen Menschen die New York Library. Der Rose Main Reading Room ist ihr Paradesaal. Mit über 1000 Quadratmetern Fläche und einer Deckenhöhe von mehr als 15 Metern ist er so groß wie eine Bahnhofshalle. 700 Leser finden hier gleichzeitig einen Sitzplatz. Am 24. Mai 1911, dem Eröffnungstag des Hauses, kamen an die 50 000 Besucher, um sich von den Fluchten endloser Tischreihen, Hundertschaften goldfarbener Lampenschirme und einer Buchausgabe mit den Dimensionen eines viktorianischen Fahrkartenschalters beeindrucken zu lassen. Der allererste unter den Wissbegierigen gab um 9:08 Uhr seinen Bestellzettel ab und hielt sechs Minuten später N.I. Grots „Nravstvennye idealy nashego vremeni“ in Händen, eine Studie über das Wirken von Nietzsche und Tolstoi.

 

Mit den länger werdenden Schatten verlieren die pflichtgemäß memorierten Fakten der NYPL genug von ihrer historischen Faszination, um hinter der Aussicht auf einen Aperitif auf dem Dach des Hotels zu verschwimmen. Mit nur 13 Etagen ist das Library Hotel ein Zwerg zwischen den Wolkenkratzern von Midtown. Das oberste Stockwerk nennt sich mit Rücksicht auf abergläubische Gäste das 14.. Im verwunschenen Dachgarten zwischen Funkien und Rankrosen plaudert ein munteres Völkchen, das nun nach Dewey eingeordnet sein will. Ein Herr mit wallendem Mosesbart bestellt einen Kipling – gewiss ist er auf der Religionsetage abgestiegen. Die üppige Dame mit dem Champagner wäre die Zierde des Erotikzimmers, wo Lady Chatterly auf Leser wartet. Vermutlich wird auch die Dame ihren Schutzumschlag abstreifen und auf Überraschungen warten.

 


Andi aber, der Mixologe, kreiert am Tresen seine Hemingways, Pulitzers und Tequila Mockingbirds, die im magischen Schein des Kaminfeuers im Wintergarten bald alle normalen After-Work-Gäste zu Bewohnern einer Elfen-, Feen- und Trollwelt machen. Da taucht plötzlich auch noch der kleine Gott des „Library“ auf. Henry Kallan, der Eigentümer des Hotels – und drei weiterer, des Casablanca, des Elysee und des Giraffe – betritt den Dachgarten und schaut nach dem Rechtem. Kallan ist Vorbild für die bekannte Legende „Vom Tellerwäscher zum Millionär“, residiert selbst in seinem privaten Olymp, einem 500-Quadratmeter-Apartment hoch über Midtown. Der Central Park ist sein Vorgarten, ganz Manhattan liegt ihm zu Füßen. Der Junge aus Bratislava fing mit 21 Jahren als Hotelpage an, in der Tasche hatte er ganze 20 Dollar. Im heutigen Peninsula und im Pierre hat er sich seine Sporen verdient, bevor er im Jahre 2000 das Library eröffnete und den Zauber der Bücher für sich arbeiten ließ.

 

„Ich habe mich aus der kommunistischen Tschechoslowakei herausgemogelt. Acht Monate lang habe ich in Wien Regenmäntel zusammengeklebt. Aber ich wollte nach Amerika – jeder wollte das damals. Ich war furchtbar naiv und sprach kein Englisch. Ohne diese beiden Voraussetzungen hätte ich es wahrscheinlich nie geschafft“, erzählt er gern und lacht dabei schallend. „Und dann ist mein Name ja auch noch Programm. Auf Tschechisch heiße ich Imrich. Jeder Amerikaner verstand ‚I’m rich‘. Also musste ich dem einfach gerecht werden.“

 

Dass er einst Profifußballer werden sollte, sieht man ihm immer noch an. Kein Gramm zu viel, eisgraues Haar und ein jungenhaftes Grinsen machen Henry zum Herzensbrecher. Wenn man ihn fragt, mit welchen Büchern er denn heute Abend ins Bett geht, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. „Weißt du“, seufzt er, „it’s easy to spend money. The art is, to earn it.“ Womit geklärt ist: Der Erfinder des Library Hotel hat keine Zeit für Bücher – Gott liest nicht.

 

 


Lust auf Library?

 

BÜCHER-Tipps für Manhattan

New York Public Library

Stephen A. Schwarzman Bau, 5th Ave./42nd St.,

Tel. +212-930-0830, www.nypl.org.

 

Hotels

 

Library Hotel: Neben dem Book Lover`s Deal (20% Rabatt bei Festbuchung im Voraus) gibt es diverse Angebote: Als Christmas Special (23.12. -28.12.2009) gibt es Zimmer ab 285 $ pro Nacht. 41st St./Madison Ave., Tel. +212-983-4500, www.libraryhotel.com. Weitere Hotels: Dylan Hotel: 52 East 41st St., Tel. +212-338-0500, www.dylanhotel.com; Zimmer ab 259 $ pro Nacht. Bryant Park Hotel: 40 West 40th St., Tel. +212-869-0100, www.bryantparkhotel.com; Zimmer ab 289 $ pro Nacht.

 

Essen & Trinken

 

Im Benjamin gibt es die besten Steaks der Stadt. 52 East 41st St., Tel. +212-297-9177, www.benjaminsteakhouse.com. Der Nobelitaliener Montenapo verlangt für eine Vorspeise 10 $; Pasta ab 16$. 240 West 41st St. (New York Times Building), Tel. +212-764-7663, www.montenaporestaurant.com. Das Bar & Books serviert mittwochs vor Ort handgerollte Coronas. 11020 Lexington Ave./73rd St., Tel. +212-717-3902, www.barandbooks.cz. Im Le Bateau Ivre stehen 250 offene Weine zur Auswahl. 230 East 51st St., Tel. +212-583-0579, www.lebateauivrenyc.com.

 

Einkaufen

 

Das Nobelkaufhaus Barneys ist immer einen Besuch wert. Madison Ave./61st St., Tel. +212-826-8900, www.barneys.com. Die bequemsten Schuhe der Stadt finden Sie im Aerosoles. 709 Lexington Ave., Tel. +212-755.0683, www.aerosoles.com. The Complete Traveller ist ein wunderbar skurriles Antiquariat. 199 Madison Ave., Tel. +212-685-9007, www.ctrarebooks.com.

 

 

 

 

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