BÜCHER 4/2010

BÜCHER auf


Heft 1/2010

SEX & CRIME

 

 

So lernt man töten in Italien

 

 

 

Im kleinen Städtchen Farnese lehren die besten deutschen Krimi-Autoren die hohe Kunst des literarischen Mordes. Kann man spannend schreiben lernen? BÜCHER-Redakteur Walter Drechsel hat es versucht.

 

 

 


„Als Camillo mit der neuen Lieferung im Rucksack aus dem Schatten der Olivenbäume auf die Straße nach Farnese trat, sah er die schöne Deutsche im kurzen Jeansrock den Weg vom Kloster heraufkommen …“ Das ist der erste Satz der ersten Kurzgeschichte, die ich in meinem Leben geschrieben habe. Wie sie weitergeht? Camillo geht natürlich mit der schönen Deutschen ins Bett. Und er klaut ihr die Geldbörse. Deshalb lasse ich Camillo auf eine, wie ich finde, subtile Art sterben im italienischen Kleinstädtchen Farnese.

 

Der Tod kommt schnell hier – vor allem in jeweils einer Woche im Frühling und im Herbst. Was damit zusammenhängt, dass in diesem 1700-Seelen-Ort in Latium, rund 30 Kilometer weg vom schönen Lago di Bolsano, unweit der Grenze zur Toskana, Morde und andere Verbrechen so häufig stattfinden wie vermutlich sonst nirgends auf der Welt – wenn auch nur auf dem Papier: „manoscritto – spannend schreiben lernen in Italien“ versprach der einwöchige Kursus zum Preis von 980 Euro (ohne Anreise, aber mit Übernachtung, Frühstück und Abendessen), den ich als einer von zwölf Teilnehmern besucht habe.

 


Ob man in einer Woche schreiben lernen kann, ist die eine Frage. Die andere: Warum sitzt man dazu ausgerechnet im einstöckigen Bau der Naturpark-Verwaltung in der italienischen Maremma? Umgeben von struppigen Wäldern, aus denen noch bis ins 19. Jahrhundert hinein regelmäßig Wegelagerer hervorbrachen? Mit einer einzigen Ampel im Umkreis von 40 Kilometern als zivilisatorischer Errungenschaft? Antwort: Das liegt am Drahtzieher von „manoscritto“, Georg Simader. Simader, 53, im Hauptberuf Literaturagent, blieb irgendwann während eines Urlaubes in Farnese hängen und richtete sich ein Haus in der Altstadt als Dependance seines Frankfurter Büros ein. Und er vertritt einige der besten deutschen Schriftsteller. Weswegen um zehn Uhr morgens an einem Montag im September Bernhard Jaumann und Jan Costin Wagner im Konferenzraum des Gebäudes neben dem Bolzplatz von Farnese auf ihre Opfer warten. Jaumann gilt seit seiner „Montesecco-Trilogie“, die einen winzigen italienischen Ort zum Schauplatz hat, als eine der feinsten Federn des Genres und wird im Frühjahr einen Namibia-Thriller veröffentlichen; Wagner gelang mit seinen Büchern um den finnischen Kommissar Kimmo Joenta vom ersten Fall („Eismond“) an der Sprung in die Bestselleretagen.

 


Spannend schreiben lernen wollen vor allem Frauen. Die Art-Directorin aus Hamburg, die ihrem Leben in Bildern und Layouts den Text hinzufügen will. Die Anwältin aus Berlin, deren Praxis Stoff für Krimis bietet. Die Psychologin, die ihr literarisches Material dem Krankenhausalltag entnimmt. Die Redakteurin, die über ihrem trockenen Nachrichtenjob die Fantasie nicht verlieren möchte. Dann sind da noch die Frauenärztin, die Fotografin, die Angestellte. Die Männer: ein Regisseur, ein Exanwalt – und ein Redakteurskollege, der sich sonst mit Wirtschaftspolitik beschäftigt. „Da freut man sich, wenn man mal jemand umbringen kann.“

 

Aber auch Mord besteht aus harter Arbeit: „Wer schreiben will“, sagt Jan Costin Wagner, „muss das zu seinem Lebensinhalt machen wollen.“ Das Seminar ist der Vorgeschmack: Wir sollen eine Kurzgeschichte schreiben, die in Farnese spielt. Mittwoch soll der Plot stehen, spätestens am Freitag die Geschichte. Aber wie schreibt man eine Kurzgeschichte? Vor allem spannend. „Spannung ist das, was noch nicht passiert ist“, sagt Jaumann; das englische suspense kommt vom lateinischen suspendere, hängen, schweben. Was braucht man noch? Jaumann schreibt, zeichnet Männchen auf ein Flip-Chart. Mitgeschrieben: 1. eine Hauptperson. 2. ein Ziel. 3. einen Konflikt. 4. eine verunsichernde Handlung. 5. eine unerwartete Handlung.

 


Ich habe eine Person: Camillo. Sein Ziel ist ein Moped. Der Konflikt besteht darin, dass er das Geld der schönen Deutschen dafür stehlen muss, dass sie ihn erwischt, mit ihm aber ins Bett geht, was schon ein Teil der unerwarteten Handlung ist – den Rest verrate ich jetzt noch nicht. Denn immerhin habe ich schon eine Blondine, Sex und Geld in meiner Geschichte; der Tod kommt erst zum Schluss.

 

Fehlt ein Anfang. Das Kriterium des ersten Satzes. Ganz einfach, zitiert Jaumann: „Mit einem Erdbeben beginnen und dann ganz langsam steigern.“ Nach dem Lacher ein Privatissimum zum Kriterium des ersten Satzes einer Geschichte, eines Romans. Im ersten Satz muss der ganze Roman im Kern enthalten sein, muss etwa drohendes Unheil andeuten, den Leser verunsichern, Rätsel aufgeben.

Ein guter Anfang liest sich so: „Cesare schnitt ein dünnes Stück vom Toma-Käse ab, klappte das Messer wieder zu und betrachtete durch das Fenster den langsam kommenden Abend.“ (Davide Longo: „Der Steingänger“) Oder: „Es roch nicht mehr schieferblau, und auch die Stimmen konnte sie nicht mehr sehen.“ (Martin Suter: „Der Teufel von Mailand“)

 

Einen ersten Satz habe ich jetzt auch. Ich stecke meine Hauptperson Camillo, die blonde Deutsche und Farnese hinein, der Inhalt von Camillos Rücksack bleibt erst mal mein Geheimnis. Ist das Rätel genug? Für den ersten Tag schon, am nächsten stelle ich fest, dass ich meine Figuren jetzt langsam reden lassen muss. Ich brauche Dialoge. Aber nur der vom Autor konstruierte Dialog wirkt natürlich. Tipp von Jaumann und Wagner: Wer das nicht glaubt, soll ein Aufnahmegerät auf den Tisch legen und Alltagsgespräche aufnehmen – das Ergebnis wird literarisch unbrauchbar sein. Jetzt üben wir Dialoge. Den Anfang gibt Jaumann vor: „Die Kassiererin hielt den 50-Euro-Schein gegen das Licht und sagte: Der ist falsch.“ (Oder so ähnlich, ich kann meine Notizen nicht mehr lesen.)

 


Mit meiner Kassiererin spricht dann ein Mann. Den soll ich durch den Dialog charakterisieren, ohne sein Äußeres direkt zu beschreiben, ohne den faulen Ausweg, dass ich etwa seine Gedanken schildere. Mein Mann hat einen Hut auf und sagt, dass er den Schein gerade von der Bank geholt hat. Das ist nicht gerade eine tolle Charakterisierung, weswegen ich lieber ein kleines Beispiel für szenisches Schreiben von Jaumann weitersage.

„‚Ist was, du linke Zecke?‘, brummte der Kerl. Seine Pranke schloss sich um meinen Krawattenknoten. Blassblau schimmerten mir zwei eintätowierte SS-Runen von seinem rechten Oberam entgegen.“ Kein Wort darüber, wie der Kerl aussieht. Aber der Leser hat ein Bild: Groß ist der, kräftig, rechtsradikal und so zwischen 20 und 30, jedenfalls nicht über 50.

 

Für die Beschreibung der Deutschen, die Camillo trifft, habe ich mir später einfach ein gängiges Bild geliehen. Camillo hält eine Zeitschrift versteckt und „auf seinem Lieblingsbild kam eine Blondine aus dem Meer, sie trug nur einen knappen roten Bikini-String und lachte; in der Zeitschrift stand, sie sei die neue Freundin eines amerikanischen Filmstars.“ Dann lasse ich auch die Deutsche lachen – alles klar? Ich muss jetzt zugeben, dass meine Geschichte nicht fertiggeworden ist. In der Mitte fehlen ein paar hundert Zeilen, weil ich mit dem Sex zwischen Camillo und der Blonden nicht klargekommen bin – rein dialogisch. Es kann aber auch an den Abenden in Farnese gelegen haben.

 


Der erste Satz für einen Abend in Farnese würde ungefähr so lauten: „Wie immer saßen alle in der RoKKa-Bar, die nur wenige Meter entfernt vom Hauptplatz liegt, wenn man der Straße durch das Viadukt zur Piazza Regina Margherita folgt.“ Spannend schreiben lernen macht hungrig und durstig; vor und nach den Abendessen, die Simader reihum in den drei Restaurants von Farnese organisiert, treffen wir uns alle in der Bar von Lidano Mariani, die ihrer Preise (ein Espresso kostet 70 Cent) und ihrer Öffnungszeiten wegen (geschlossen wird, wenn keiner mehr da ist) unbestreitbar das Zentrum des kargen gesellschaftlichen Lebens von Farnese ist. Bereichert wird es durch – was denn sonst – einen Mord am Abend: Jan Costin Wagner liest in einem romantischen Gewölbe des historischen Ortskerns im Kerzenschein aus seinem Roman „Der Winter des Löwen“. Es klingt gut. Vor allem klingt es, als müsste ich noch ganz schön üben. Immerhin: Wagner und Jaumann fanden meinen Schluss nicht mal schlecht: Der reuige Camillo fährt nachts mit dem Moped zurück nach Farnese, um sich der schönen Deutschen zu Füßen zu werfen. Dabei überfährt er ein Stachelschwein (die gibt‘s da wirklich), stürzt und – finito Camillo. Ende der Geschichte.

 

Weitere Informationen:

manoscritto.de; rokkabar.net

 

 

 

 

 

 

 

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