BÜCHER 4/2010

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Heft 4/2010

Krimi-Special

 

 

Ein Commissaris aus München

 

 

Bei uns hat doch schon jede Telefonzelle ihren eigenen Ermittler – meint Claus Cornelius Fischer. Nicht nur deshalb spielen seine erfolgreichen Krimis in Amsterdam.

 

Von Walter Drechsel (Text)

 

 


© Petra Schramek

Ein Kannibale passt nicht nach Berlin. Auch in Hamburg ist er schwer vorstellbar. Amsterdam dagegen: romantische Kulisse, mit dem riesigen Hafen, aber Europas Umschlagplatz für (nicht nur legale) Wirtschaftsgüter aus aller Welt, multi-ethnische Bevölkerung – so sieht eine Stadt aus, in die sich ein Kannibale hineindenken lässt.

 

Zumindest ist das so für Claus Cornelius Fischer, 59, der als deutscher Autor einen holländischen Commissaris in Amsterdam ermitteln lässt. Bruno van Leeuwen heißt der – und in „Vergib uns unsere Schuld“, seinem ersten Fall, lernt er eine ganze Menge über Kannibalismus. Im Gespräch mit BÜCHER zitiert Fischer die polnische Reporter- Legende Ryszard Kapuscinski, der mal gesagt hat, Afrika sei die Lupe, durch die man die Welt betrachten kann. „In Amsterdam“, meint Fischer,„sieht man die Zukunft Europas. Die Welthaltigkeit dieser Stadt birgt für mich die Chance, in einem faszinierenden Milieu glaubhafte Charaktere anzusiedeln, denen man sonst nirgends begegnet. Und in Deutschland hat doch schon jede Telefonzelle ihren eigenen Ermittler.“

 

Amsterdam war nicht begeistert, als Fischer 2004 mit den Recherchen in der Grachtenstadt beginnen wollte. Anfragen an die Pressestelle der Polizei blieben unbe- antwortet, Briefe landeten im Nichts, inoffizielle Kontakte zeigten keinerlei Wirkung, Irgendwann bat Fischer den niederländischen Generalkonsul in München um Hilfe. Der hielt ihm erst mal einen Vortrag über die Aufgaben eines Konsuls. Um dann doch ein paar Telefonate zu führen. Ein paar Wochen später begleitete Fischer zum ersten Mal Polizisten durch ihr Amsterdam. Warum ein deutscher Autor über sie schreiben wollte, war den Beamten sonnenklar: Polizist in Amsterdam zu sein, sei schließlich der

schönste Job der Welt ...

 

Zumindest stößt er – in Person des Commissaris und stellvertretenden Polizeipräsidenten Bruno van Leeu- wen – auch in den Niederlanden auf großes Interesse. Endlich, schrieb eine Zeitung sogar, sei ein Nachfolger gefunden für den schrulligen Commissaris von Janwillem van de Wetering; der legendäre Krimi-Autor aus Rotterdam starb 2008 in den USA. Der Erbe Van Leeuwen sieht in der Vorstellung seines Schöpfers Fischer „ein bisschen aus wie der späte Lino Ventura“, wird von seinem Gerechtigkeits- sinn getrieben; ein missmutiger, ein einsamer Mensch. Seine Frau Simone ist schwer krank, schon im ersten Band der bisher vier Folgen der Reihe leidet sie unter der Alzheimerschen Krankheit.

 

„Er kann ihr noch Fragen stellen, aber bekommt keine Antworten“, schildert Fischer die Nöte seines Helden, „deshalb sucht er in seinem Beruf so verzweifelt, so unbedingt danach“. Simone wird sterben – ein depressiver Commissaris sucht weiter nach dem Sinn hinter mysteriösen Todesfällen, taucht ein in den indischen Gewürzhandel seiner Stadt („Und verführe uns nicht zum Bösen“) und kommt, im dritten Band, schließlich hinter die Geheimnisse einer Sterbeklinik („Totenengel“). Im aktuellen Buch, „Eis- Herz“, wird klar, warum Fischer Bruno so hoch angesiedelt hat in der Polizeihierarchie: Ein Vize-Polizeipräsident kann offiziell nach Mailand und Las Vegas reisen, um den Spuren eines Amsterdamer Mordes nachzugehen ...

 

Der Autor selbst hat, um auch diese ewige Frage zu beantworten, nichts von der Ruhelosigkeit, der selbstquälerischen Zerrissenheit seines Helden. Claus Cornelius Fischer, in Berlin geboren, ehemaliger Jesuitenzögling, pflegt täglich (außer sonntags) gegen 10.30 Uhr in einem überaus dekorativen Morgenmantel italienischer Herkunft vom ersten Stock seiner Wohnung in München-Schwabing (die er mit seiner Frau, einer Logotherapeutin teilt), in sein Büro im Hochparterre hinunterzusteigen, um dort zu schreiben. Ist kein neuer Amsterdam-Krimi fällig, verfasst er Drehbücher (etwa für den „Tatort“ und andere TV-Serien) oder widmet sich seinem Lieblingsprojekt: Schon einmal hat er eine Neufassung von Voltaires „Candide“ herausgebracht, jetzt soll es ein Remake geben. Nach dem Abendessen wird erneut gearbeitet, um 23 Uhr klappt Fischer den Laptop zu, „wenn ich im Manuskript keine Fehler finde“. Für diesen Fall wird dann ein Fläsc chen Rotwein aufgemacht.

 

Claus Fischer: Eis-Herz, Lübbe, 464 Seiten, 19,99 Euro

 

 

 

 

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