BÜCHER 4/2010

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Zeit & Geist

 

 

„Yes, Afri-can!“

 

 

 

Kein deutscher Journalist kennt Afrika besser als Bartholomäus Grill. In seinem neuen Buch erzählt er eine Liebesgeschichte: zwischen Südafrika, dem diesjährigen Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft, und seinem Sport. Im Gespräch wehr er sich gegen Klischees – und sieht viel Anlass für Optimismus.

 

 

 

Von Belinda Steiert (Interview)

 

 

 

 


© Nicole Sturz

Herr Grill, Ihr aktuelles Buch beschreibt nicht nur den Fußball in Südafrika, sondern ganz besonders den alltäglichen Okkultismus der schwarzen Afrikaner – Magie aus Zuckerrohrrattenfett und getrockneten Pavianärmchen. Müssen wir bei der Weltmeisterschaft 2010 mit Hexerei rechnen?

(lacht) Nicht mehr als sonst auch. Aber der Aberglaube ist uns in Europa ja auch nicht fremd. Der 1. FC Köln zum Beispiel hat einen Geißbock als Maskottchen, manche Fußballer treten nur in ihren Glücksschuhen an oder verwenden Talismane. Hier in Südafrika wird Zauberei eher in der ländlich-traditionellen Gesellschaft praktiziert. Der Weltfußballverband FIFA beschäftigt sich gerade damit, ob „Muti“, also magische Substanzen, unerlaubte Dopingmittel sind.

 

Was sollte also der WM-Besucher außer Kondomen und einem Voodoo-Püppchen im Gepäck haben?

Die Voodoo-Puppe können Sie getrost zu Hause lassen, und Kondome gibt es überall, selbst in den Nachtkästchen der Hotels. Was Sie auch zu Hause lassen können, sind diese klischeehaften Vorstellungen vom wilden, unheimlichen Afrika. In Südafrika stoßen Sie auf extreme Gegensätze: Hier ein Elendsviertel, in dem ein archaischer Hexenglauben verbreitet ist, und gleich nebenan eine hochmoderne Autofabrik mit einer Roboterstrasse; hier ein traditioneller Kleinbauer, der mit der Hacke ein Stück Land bearbeitet, dort eine hochtechnisierte Großfarm, die für den Weltmarkt produziert; hier schlecht ausgestattete Township-Kliniken, die nicht einmal Kopfwehtabletten haben, dort ein luxuriöses Krankenhaus, in dem Schönheitsoperationen durchgeführt werden. In Südafrika gibt es Mangel und Überfluss, Hunger und Völlerei, Hütten und Paläste. Die Extreme liegen ganz nah beieinander. Es ist, als ob gleich hinter der Königsallee die Favelas von Rio beginnen würden.

 

Trotzdem hält sich die Angst vor der scheinbar hohen Kriminalität hartnäckig. Gibt es einen Verhaltenskodex für den WM-Besucher?

Wie in jeder fremden Großstadt fallen Touristen mit Shorts, weißen Socken, Hawaii-Hemd und Kamera um den Hals auf. Das ist quasi eine Einladung für jeden Halunken. Stellen Sie sich mal in Rom in diesem Aufzug auf die Spanische Treppe – da sind Sie ein potentielles Opfer. Genauso ist es in Johannesburg oder Kapstadt. Die Wahrscheinlichkeit, einem Schwerverbrechen zum Opfer zu fallen, ist jedoch eher gering.

 

Sie sind seit Jahren DER deutsche Experte für den afrikanischen Kontinent. Waren Sie auch einmal naiv?

Naiv? Selbstverständlich! Leichtsinnig sogar! Und das immer noch. Erst gestern war ich mit Freunden in Kapstadt unterwegs und betrachtete ein Wandgemälde. Prompt schlich ein Taschendieb eine Weile um mich herum und versuchte dann unauffällig mein Handy aus dem Rucksack zu stehlen. Aber das kann einem in jeder Metropole der Welt passieren.

 

Gleich zu Anfang von „Laduuuuuma“ beschreiben Sie die Abneigung der schwarzen Afrikaner gegen „den Geist des ewigen Paternalismus“. Ist die WM für Südafrika eine Initiation für die Aufnahme in den Kreis der „erwachsenen Völker“?

Überhaupt nicht! Südafrika hat eine solche Initiation nicht nötig. Hier fanden Großveranstaltungen wie der Cricket Worldcup oder der Erdgipfel statt, Weltstars veranstalten Mega-Konzerte in Durban, Johannesburg und Kapstadt. Die größten Banken Afrikas haben hier ihren Sitz, global operierende Konzerne, die zweitgrößte Brauerei der Welt, die 120 Millionen Hektoliter pro Jahr braut! Südafrika ist ein G20 Mitglied, leistet Entwicklungshilfe und entsendet Friedenstruppen. Wir reden von einer regionalen Wirtschaftsmacht. Südafrika ist zugleich ein Industrie- und Entwicklungsland – und hat die höchste Ungleichheit der Welt.

 

Jetzt, kurz vor Anpfiff der WM, ist da der Optimismus der Organisatoren verhaltener geworden?

Südafrika hat alle Untergangspropheten widerlegt. Bei der WM-Abnahme durch die FIFA bekamen die Organisatoren 8 von 10 möglichen Punkten. Die Vorbereitungen wurden früher abgeschlossen als bei der WM in Deutschland, gar nicht zu reden von Italien 1990. Die Sache ist eingetütet, es kann nichts mehr schief gehen! Wie Hellen Zille, die mächtigste weiße Politikerin in Südafrika gerne sagt: „Yes, Afri-can!“.

 

Gibt es Bedenken, dass die Weißen den schwarzen Nationalsport durch die WM für sich vereinnahmen könnten?

Nein, viele Weiße wissen nicht einmal, wie Abseits funktioniert. Ihre bevorzugten Sportarten sind nach wie vor Rugby und Cricket. Durch die WM wächst allerdings ihr Interesse an Soccer.

 

Herr Grill, Sie können nicht nur Afrika, Sie können auch Fußball. Was ist Ihr Tipp? Welche beiden Mannschaften stehen im Endspiel?

Ha! Wunsch oder Wirklichkeit? Mein Traumfinale ist Spanien gegen die Elfenbeinkünste. In der Realität tippe ich auf Spanien gegen England.

 

 

Bartholomäus Grill: Laduuuuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert, Hoffmann & Campe, 260 Seiten, 20 Euro

 

 

 

 


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