|
Heft 4/2009
Gesichter & Geschichten
Tagebuch eines Romans
Geht das: einen Roman zu zweit schreiben? Und das als deutsch-amerikanisches Paar? Eric T. Hansen und Astrid Ule haben es gewagt, gegen den Rat aller Freunde. Exklusiv in BÜCHER erzählt Hansen von einem ungewöhnlichen Projekt.
Erste Folge: Das geht (in Deutschland) nicht.
Von Eric T. Hansen (Text)
„Das geht in Deutschland nicht.“ Kaum einen Satz höre ich hierzulande so oft wie diesen. Nicht etwa von irgendwelchen von ihrer pädagogischen Verantwortung gebeugten Schulmeistern oder um die Moral besorgten Pfarrern, sondern von Freunden in meinem Alter – coolen Typen, die frech und frei und gar nicht duckmäuserisch sind und überhaupt Scheuklappen jeder Art verachten. Als Journalist höre ich den Satz auffällig oft von jungen Drehbuchschreibern und Regisseuren, aber auch von literarischen Autoren. Von Künstlern also, die auf die künstlerische Freiheit ihres Landes stolz sind.
Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einem jungen, hoffnungsvollen TV-Regisseur, der – wie so viele junge Kreative – manche moderne, intelligente amerikanische TV-Serie verehrte. „Ihr Deutschen gehört zu den intelligentesten und modernsten Leuten auf Erden“, sagte ich. „Warum drehst du nicht mal ein TV-Drama wie ‚Six Feet Under‘?“ Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Das geht in Deutschland nicht“, sagte er.
Er erklärte mir dann etwas vom Geschmack der Redakteure; von ihrer Angst vor einem Publikum, das an gemütliche Sendungen wie „Tatort“ und „In aller Freundschaft“ gewöhnt ist; von Politikern und Kirchenvertretern, die in den Rundfunkräten und Fördergremien sitzen und alles zensieren, was zu gewagt erscheint. Ich sagte es nicht, aber innerlich bedauerte ich ihn ob seiner Mutlosigkeit: Künstler wie dieser werden niemals etwas daran ändern, dass alle Welt die Popkultur Amerikas kennt, aber die deutsche nicht. Und natürlich erwähnte ich es nicht, aber innerlich war ich stolz, dass wir Amis nie einen Satz sagen würden wie: „Das geht nicht.“ Dann kam der Tag, als ich den Satz aus meinem eigenen Mund hörte.
Es war ein sonniger Maitag und meine Lebensgefährtin und Schreibpartnerin Astrid und ich waren bei Freunden auf dem Land, in einem malerischen kleinen Kaff im hintersten Brandenburg. Wir grillten, Kinder spielten, und unsere Gedanken wanderten. „Ich muss immer wieder an den Film von gestern Abend denken“, sagte Astrid. Sie dachte vor allem an die Stelle, an der ein Heimatforscher voller Stolz von der Gründung seines Städtchens durch mutige Pioniere berichtet und selbst nicht zu merken scheint, dass die Pioniere sich völlig verirrt hatten und offenbar Trottel waren. Der Film hieß „Waiting for Guffmann“ und war vermeintlich die Dokumentation des Versuchs des Städtchens, den Jahrestag seiner Gründung mit einem großen Festspiel zu feiern. Die Schauspieler waren so gut, so subtil, dass man lange dachte, es sei wirklich ein Dokumentarfilm.
Wir lächelten im Sonnenschein vor uns hin bei der Erinnerung, bis Astrid ihm das allerhöchste Kompliment machte, zu dem sie fähig war: „Wenn ich Filmemacherin wäre,“ sagte sie, „würde ich gern so einen Film in Deutschland drehen.“ „Ach, schade“, sagte ich wehmütig, „dass so was in Deutschland nicht geht.“ Es dauerte eine Weile, bis sie reagierte: „Also ich dachte, ich hätte mich in einen Amerikaner verliebt, aber du sprichst ja wie ein Deutscher.“ Das war eine Frechheit. Ich hatte recht, das war sonnenklar. Das sah man schon daran, dass der Film hier nie ins Kino kam – wir mussten ihn auf DVD aus England bestellen.
„Okay, wenn du meinst, man könnte das hier machen, wie würdest du es tun?“ Sie dachte nach. Ziemlich lange. Lange genug, dass ich einflechten konnte: „Siehst du? Dir fällt auch nichts ein.“ „Es liegt auf der Hand“, sagte sie. „Das Material ist schon da – du hast über genau die gleichen Leute schon geschrieben, nur damals war es keine Satire.“ Sie meinte damit mein erstes Buch, „Die Nibelungenreise“, in dem ich ein Jahr lang in einem VW-Bus von Burg zu Burg, Ruine zu Ruine, Kloster zu Kloster quer durch Deutschland reiste, auf der Suche nach dem Mittelalter. „In dem Buch waren auch eine Menge Kleinstädte drin mit ebenso vielen Macken“, sagte sie.
Eine der häufigsten Macken einer deutschen Kleinstadt ist der Wahn, ein Festspiel veranstalten zu müssen, meist über einen sonst völlig unbekannten Lokalhelden: „Die Geschichte des grausamen Räubers Dietmar“, oder „Die Legende von der verschwundenen Schokotorte“. Solche Veranstaltungen sind lächerlich und erhaben zugleich: Einerseits wirken die Ergebnisse so amateurhaft und unbeholfen, dass Großstädter und Kulturkenner gern über sie herziehen; andererseits haben sie auch was schön Quijotisches an sich: Die Kleinstadt will der Welt zeigen, dass sie auch wer ist.
„Ich denke an diese Städte im Odenwald“, sagte Astrid. „Sie alle veranstalten Festspiele über die Nibelungen. Keiner in Deutschland interessiert sich für die Nibelungen, sie auch nicht wirklich, aber der Legende nach starb Siegfried im Odenwald, also ist das ihr Thema. Du hast doch einige skurrilen Szenen im Buch darüber.“ Jetzt schwieg ich. Sie hatte recht: Das Thema „Kleinstadt im Odenwald“ war tatsächlich wie geschaffen für einen „falschen“ Dokumentarfilm. Ich konnte die Figuren schon vor mir sehen. „Wir sind aber keine Filmemacher“, sagte ich. Wir hatten zwar schon ein, zwei Drehbücher an deutsche Fernsehsender verkauft, aber viel wurde nicht daraus. Wir hatten keinen Ruf, der es uns ermöglicht hätte, für ein solches Projekt die Finanzierung zusammenzukratzen.
„Aber wir könnten es als Buch schreiben“, meinte sie. „Astrid, das verstehst du nicht. Ich bin Journalist. Ich schreibe Sachbücher. Ein Roman ist was anderes. Das hat was mit Inspiration zu tun, das ist ein Kunstwerk. Das ist Literatur. So was macht man nicht einfach so.“ „Ich weiß, Liebling. Ich wollte es nur aus deinem Mund hören.“ „Was wolltest du aus meinem Mund hören?“ „Die Worte: Es geht nicht. Ein schöner amerikanischer Satz.“ In dem Moment wurde mir klar: Egal was kommt, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.
Eric T. Hansen/Astrid Ule: Nibelungenfieber, Scherz, 464 Seiten, 14,95 Euro
Eric T. Hansen, geboren 1960, verbrachte seine Kindheit auf Hawaii. Er studierte Mediävistik in München und arbeitet seit 1989 als Korrespondent für US-amerikanische und deutsche Zeitungen. 2004 erschien „Nibelungenreise“, es folgten „Planet Germany“ und „Deutschland-Quiz“.
Hier geht es zu den anderen Folgen:
>Zweite Folge: Die Angst des Autors vor dem zwanglosen Verlagsgespräch.
>Dritte Folge: Von dem Versuch, eine völlig ernst zu nehmende und sachlich richtige Beschreibung eines abartigen Sexspielzeugs zu formulieren; oder: Wie viele Gags pro Seite sind erlaubt?>
>Vierte Folge: Rambo würde unser Buch lesen.
>Fünfte Folge: Der Unterschied zwischen einem Urlaubsflirt und der Ehe ist ein Jahr in der Hölle.
>Sechste Folge: Mein Buch, Dein Buch.
>Siebte Folge: Englisch ist Germanisch, Deutsch ist Latein
>Achte Folge: Das Herz der Bananenschale
>Neunte Folge: Zu weit ist nicht weit genug
>Zehnte Folge: Das Schönste am Bücherschreiben
jetzt bei amazon.de bestellen >>
jetzt bei Buch24 bestellen >>
jetzt bei Buecher.de bestellen >>
zurück zur vorherigen Seite
|