BÜCHER 4/2010

BÜCHER auf


Heft 4/2009

Gesichter & Geschichten

 

 

Tagebuch eines Romans

 

 

 

Geht das: einen Roman zu zweit schreiben? Und das als deutsch-amerikanisches Paar? Eric T. Hansen und Astrid Ule haben es gewagt, gegen den Rat aller Freunde. Exklusiv in BÜCHER erzählt Hansen von einem ungewöhnlichen Projekt.

 

 

 

Zweite Folge:Die Angst des Autors vor dem zwanglosen Verlagsgespräch.

 

 

 

Von Eric T. Hansen (Text)

 

 

 


„Da stand sie vor uns, wie die Büchse der Pandora: die Idee für einen Roman! Noch nie lag ein Roman so nah, richtig zum Anfassen: Die Figuren, diese Kleinstadthelden, tanzten uns schon im Kopf herum, und die Odenwälder Ortschaften kannte ich von meinen Reisen. Schon der Titel war witzig: „Nibelungenfieber“ – na, das würde sich doch von selbst schreiben!

Oh Gott, hatte ich Angst.

 

Als junger Mann hatte ich schon mal einen Roman geschrieben. Er liegt noch heute in der Schublade. Ihn umsonst geschrieben zu haben, war nicht das Schlimmste. Nein: Jahrelang Tag für Tag zum Briefkasten zu pilgern, voller Hoffnung, die ersehnte Zusage vom Verlag wäre endlich gekommen und dort nichts vorzufinden … Das wollte ich nie wieder durchmachen.

 

„Diesmal mache ich es aber richtig“, erklärte ich meiner Freundin und Co-Autorin. „Diesmal wird nichts dem Zufall überlassen. Wir nehmen uns Zeit. Wir schreiben den Text fertig, legen ihn ein Jahr lang zur Seite, dann lassen wir ihn von den kritischsten, negativsten Freunden durchlesen, die wir auftreiben können, und gehen noch mal mit frischem Blick ran. Wir schreiben den perfekten Roman – einen Roman, den kein Verleger ablehnen kann.“

 

Astrid schaute mich an, als ob ich von einem anderen Planeten käme.

„Ich dachte, wir skizzieren die Geschichte auf zwei oder drei Seiten, und du nimmst sie mit zum Verlag, wenn du übernächste Woche dahin gehst. Das wäre doch einfacher.“

Jetzt schaute ich sie an, als ob sie von einem anderen Planeten käme. Es stimmte schon, dass ich in zwei Wochen einen Termin hatte. Mein 20-seitiges Exposé für ein neues Sachbuch mit dem Titel Deutschland-Quiz hatte ich schon eingereicht, und das wollten wir diskutieren. Aber Sachbuch ist nicht Roman.

„Zwei oder drei Seiten?“ schimpfte ich los. „Was macht das für einen Eindruck? Das ist Literatur, von der wir sprechen, da gibt’s keine Schnellschüsse. Das muss Hand und Fuß haben.“

„Was?“ schimpfte sie los. „Du willst unsere schöne Idee auf Eis legen? Hast du eine Ahnung, wie schnell sich die Dinge ändern? In den letzten Jahren hatten wir zack, zack hintereinander die WM 2006, dann den Papst – alles Sachen, die die Atmosphäre hierzulande verändert haben. Wir wollen doch ein satirisches Porträt von Deutschland heute schreiben, oder nicht? Glaubst du, wenn wir es verschieben, sind wir noch aktuell? Es ist jetzt oder nie, mein Lieber.“

Ich versuchte es mit einer anderen Taktik. „Wir wissen nicht mal, was in ein Roman-Exposé gehört“, sagte ich. „Bis jetzt haben wir nur Sachbuch-Exposés geschrieben. Bis wir das recherchiert haben, sind unsere zwei Wochen um.“

Sie sagte nichts mehr. Ich hatte das richtige Argument gefunden.

 

Nun gibt es Leute, die damit zufrieden sind, wenn sie Recht behalten. Eine solche Haltung ist auch gesund – zumindest sagt das mein Therapeut. Dann gibt es Typen wie mich, die dann erst recht stutzig werden.

 

In dieser Nacht lag ich wach und dachte an ein Buch namens „Das letzte Mädchen“, das ich mal fast geschrieben hatte: Aus mysteriösen Gründen wurden nirgends auf der Welt mehr Kinder geboren. Es gab einfach keine Schwangerschaften mehr. Alles, was man tun konnte, war, das letzte Mädchen zu ermitteln, das geboren wurde. Von ihr handelte das Buch. Es war die schönste und traurigste Geschichte, die ich je geschrieben hatte. Ich arbeitete fast drei Jahre lang dran, ein Kapitel hier, ein Kapitel da. Ich war noch mitten drin, als der Film Children of Men in die Kinos kam. Er erzählte genau die gleiche Geschichte. Der alte Spruch ist wahr: Es gibt keine neuen Ideen – nur Ideen, die jemand zuerst aufschreibt. Am gleichen Tag hörte ich auf, die schönste und traurigste Geschichte, die mir jemals eingefallen ist, zu schreiben.

 

Irgendwann mitten in der Nacht hielt ich es nicht mehr aus. Ich weckte sie und sagte: „Du hast Recht. Es ist jetzt oder nie.“

„Das ist der Autor, in den ich mich verliebt habe“, murmelte sie verschlafen. „Es hätte aber auch gereicht, mir das morgen zu sagen.“

 

Wir hatten zwei Wochen bis zum Termin, und die Lektoren würden ein paar Tage brauchen, um das Exposé zu lesen. Wir hatten keine Zeit für große Überlegungen oder Recherchen. Von diesem Moment an taten wir nichts anders als tippen. Wir schrieben das Exposé einfach genauso, als wäre es für ein neues Sachbuch. Das geht in etwa so: Zuerst kommt eine lockere Beschreibung des Inhalts. Ich stelle mir dabei vor, ich würde das alles einem Freund erzählen und schreibe ich es genau so. Dann kommen die sachlichen Argumente: Warum ist dieses Thema aktuell? Wer soll das Buch kaufen?

 

Marktforschung gehört auch dazu – ich wälze Verlagskataloge und stöbere in Buchhandlungen, dann beschreibe ich, welche ähnlichen Bücher es schon gibt und wie sie vom Publikum und Kritikern angenommen wurden. Zum Schluss kommen ein paar Worte zum Autor: Wer bin ich, was habe ich vorher geschrieben, und warum soll ausgerechnet ich dieses Buch schreiben und nicht ein anderer? Jeder Deutsche kann ein Buch über Deutschland schreiben, also muss ich erklären, dass ich das aus einer einzigartigen Perspektive tue – als Ausländer in Deutschland, der ungewohnte Fragen stellt und die Antworten mit einer Prise Humor beschreibt. Dazu lege ich die ersten 20 oder 30 Seiten des Textes, damit der Verleger ein Gefühl dafür bekommt, wie sich das fertige Buch tatsächlich lesen wird.

 

Das Roman-Exposé machten wir genauso. Astrid übernahm die Zusammenfassung der Handlung, während ich an die ersten 20 Seiten der Geschichte ging. Dann tauschten wir die Texte und schmissen wie immer alles um, was wir geschrieben hatten.

Wir hatten nicht mal Zeit, die Probleme, die mittendrin auftauchten, zu lösen: „Ich kann doch keine Zusammenfassung schreiben, wenn wir nicht mal wissen, wie die Geschichte endet“, klagte Astrid. „Was machst du bei einem Sachbuch-Exposé, wenn du nicht genau weißt, wie es weitergeht?“

„Ich schreibe so viele Witze rein wie möglich und hoffe, dass sie es nicht merken“, sagte ich.

„So habe ich mir diesen Job nicht vorgestellt.“

„Es ist jetzt oder nie“, meinte ich.

 

Zwei Wochen später saß ich im Büro des Scherz Verlags in Frankfurt am Tisch mit meiner Agentin, meinem Sachbuch-Lektor, dem Verleger und ein paar anderen. Und einer Flasche Sekt. Wir redeten über alles. Außer über den Roman.

„Wir wollen das Sachbuch“, sagte der Verleger. Meine Agentin lächelte.

Wir sprachen über Publikum, Vermarktung, Termine. Ich stimmte allem zu. Ich nickte nur noch. Es kostete mich Überwindung, nicht zu stottern.

Ich wusste nicht mal, ob sie das Roman-Exposé gelesen hatten. Ich hatte es in letzter Minute meiner Agentin geschickt, die mir dankenswerterweise eine nur sehr kurze und prägnante Standpauke darüber hielt, dass ein Verlag mehr als eine Woche Vorlauf braucht und dass man solche Dinge absprechen soll, besonders, wenn man ohne Vorwarnung von Sachbuch auf Roman umsteigen will. Aber sie schickte es weiter.

 

Bei jedem Wort drehte sich mir der Magen um. Ich dachte schon: Vielleicht ist es besser, das Thema einfach nicht anzusprechen. Doch irgendwann hielt ich es nicht mehr aus: „Und das andere? Der Roman?“

„Es ist genau das, was wir suchen“, sagte der Verleger.

 

In dieser Nacht gingen wir gemeinsam in einer urigen Frankfurter Kneipe essen. Wir bestellten Schnitzel und Rouladen und Schweinebraten (weil ich Bücher über die Deutschen schreibe, geht jeder grundsätzlich davon aus, dass ich ständig Lust auf deutsche Küche habe); wir tranken Bier und Zieglers Edelbrand. Zuviel Zieglers Edelbrand. Zumindest ich. Es war kurz vor zwei Uhr morgens, als ich im Hotel ankam. Ich rief Astrid an. Ich wusste, ich würde sie nicht wecken, und ich hatte Recht.

“Und?“ fragte sie. „Sag schon!“

„Jetzt haben wir den Salat“, sagte ich.

 

 

Eric T. Hansen/Astrid Ule: Nibelungenfieber, Scherz, 464 Seiten, 14,95 Euro

 

 

Eric T. Hansen, geboren 1960, verbrachte seine Kindheit auf Hawaii. Er studierte Mediävistik in München und arbeitet seit 1989 als Korrespondent für US-amerikanische und deutsche Zeitungen. 2004 erschien „Nibelungenreise“, es folgten „Planet Germany“ und „Deutschland-Quiz“.