|
Heft 4/2009
Gesichter & Geschichten
Tagebuch eines Romans
Geht das: einen Roman zu zweit schreiben? Und das als deutsch-amerikanisches Paar? Eric T. Hansen und Astrid Ule haben es gewagt, gegen den Rat aller Freunde. Exklusiv in BÜCHER erzählt Hansen von einem ungewöhnlichen Projekt.
Dritte Folge: Von dem Versuch, eine völlig ernst zu nehmende und sachlich richtige Beschreibung eines abartigen Sexspielzeugs zu formulieren; oder: Wie viele Gags pro Seite sind erlaubt?
Von Eric T. Hansen (Text)
Ein Roman! Wir schreiben einen Roman! Es war ein wahrgewordener Traum. Wir hatten einen Vertrag mit dem Verlag und einen Abgabetermin. Der Vorschuss lag auch schon auf der Bank. Wir befanden uns in einer Situation, von der tausende junge Kreative träumen, seitdem sie in der Pubertät von irgendwelchen Mädels zurückgewiesen wurden und sich entschlossen, dafür weltberühmte Schriftsteller zu werden (oder, in Astrids Fall, seitdem sie erkannt hat, dass sie einen regulären Job und ihren Lebenswandel als absoluter Nachtmensch nur sehr schwer gleichzeitig aufrechterhalten kann).
Voller Vorfreude setzten Astrid und ich uns Montagmorgen, 10 Uhr, gut ausgeschlafen, frisch geduscht und sattgefrühstückt, einen heißen, cremigen Milchkaffee und einen Packen weißes Papier vor uns, am Küchentisch hin und begannen, sämtliche Witze und lustigen Szenen aufzuschreiben, die wir im Buch haben wollten.
„Es spielt im Odenwald“, sagte ich, „ich will einen Bauer drin haben, dessen Kühe beim Grasen immer wieder umkippen, weil seine Weide an einem steilen Abhang liegt.“
„Ich will eine trockene, völlig ernst zu nehmende und sachlich richtige Beschreibung von einem abartigen Sexspielzeug“, sagte sie. „Und ich will den ‚Kaffee-to-go‘-Witz drin haben.“
„Du meinst: ‚Wir haben keinen Kaffee aus Togo, nur aus Äthiopien?‘ Das ist aber Annettes Witz.“
„Ich will ihn drin haben!“
„Ich will eine wirklich witzige Parodie auf die berüchtigte ‚Nibelungenrede‘ von Göring schreiben. Es wird Zeit, dass das jemand tut.“
„Ich will den Satz drin haben: ‚Ich weiß nicht wer sie sind, aber lassen Sie die Finger von der Prostata meines Mannes!‘“
Die Papiere stapelten sich. Wir schrieben alle auf: Missverständnisse, seltsame Typen, komische Ausdrücke, bürokratische Absurditäten. Erwachsene Leute bewerfen sich mit Essen. Und in selbst beim Sex können sie sich nicht benehmen. Und irgendwann merkte ich, dass Astrid still wurde.
„Meinst du, das passt alles zusammen?“ fragte sie.
„Wieso?“
„Politikerverarsche - eine SPD-Abgeordnete, die Arbeitslose ins Dorf holt, damit sie soziale Gerechtigkeit herstellen kann. Das ist Satire.“
„Nix dagegen.“
„Ein Mann, der seinen Ständer in eine Glas Chilipulver steckt, um den Avancen einer älteren Dame zu entkommen. Das ist Comedy.“
Kein Problem.“
„Meinst du nicht, dass wir uns mal festlegen sollten – ob wir nun Comedy schreiben oder Satire?“
Es war ein ernsthafter Einwand. Reden Sie mal mit einem Verlagsvertreter oder mit einem Buchhändler, und er wird Ihnen sagen: Der Leser kauft kein Buch, das er nicht einordnen kann. Wenn er Lust auf billige Kalauer hat, kauft er ein Comedy-Buch; ist er einer dieser Typen, der die Nase über „anspruchslosen Humor“ rümpft, kauft er eine Satire. Satire – das wäre in unserem Fall ein kritisches Buch über politische Missstände in der Provinz, das zwar alle drei Seiten ein Wortwitz oder eine Absurdität enthält, aber sonst recht gepflegt bleibt. Bei einem Comedy-Roman dagegen gäbe es auf jeder Seite mehrere Witze – davon jeder dritte ein Fäkal- oder Sexwitz – aber nichts, was den Leser zum Nachdenken anregen könnte. Wir hatten ein Problem: Wir liebten beides, Satire und Comedy.
„Keine Panik“, sagte ich. „Denken wir nach. Gibt es in letzter Zeit irgendwelche Bücher, die hohen Anspruch mit echt plattem Klamauk verbinden?“
Wir dachten nach. Letztens hatte ich mich über einen in Amerika sehr gut besprochenen Roman mit dem Titel Snack Daddys abenteuerliche Reise aufgeregt – ich hatte gelesen und gelesen und fand keine Witze. Dafür jede Menge sehr schöne, literarisch anspruchsvolle Sätze. Erst mitten drin verstand ich: Der Autor hat gar nicht vor, mich zum Lachen zu bringen, er will nur den Kritikern beweisen, dass er schöne Sätze schreiben kann. „Die amerikanische Literatur kannst du in der Beziehung vergessen“, sagte ich.
„Was ist mit Mieses Karma?“ fragte Astrid. „Das handelt von Spiritualität. Oder Macho Mann – handelt von Integration. Beide anspruchsvoll und komisch zugleich.“
„Stimmt“, gab ich zu. „Vielleicht sind die deutschen Autoren darin sogar besser als die Amerikaner. Aber trotzdem – die gehen mir alle nicht weit genug. Sie nutzen nicht die ganze Palette des Humors.“
Das war der Moment, in dem uns beiden klar wurde, an wen wir die ganze Zeit dachten.
„Huck Finn“, sagte Astrid.
„Nicht nur das. Auch Drei Männer in einem Boot. Und Jeeves. Und Simplicissimus.“
Wir stimmten überein: Keiner schreibt heute mehr Komik wie Mark Twain. Er hatte es geschafft, nahtlos zwischen den Kategorien hin und her zu wechseln. Er hatte kein Problem damit, politische Provokation mit Burleske, Gesellschaftssatire mit Klamauk, erwachsenen Themen mit Jugendabenteuern zu verbinden. Er brach mit den literarischen Trends seiner Tage, machte sich über anspruchsvolle Literatur insgesamt und über die Romantik im Speziellen lustig – und schrieb, was er schreiben wollte. In Huckleberry Finn nimmt er das ernsthafte Thema ‚Befreiung der Sklaven‘ zum Anlass, zu zeigen, was alles schiefgehen kann, wenn so eine Befreiungsaktion von Idioten vorgenommen wird. Jerome K. Jerome in seinem quasi-literarischen Reiseroman Drei Männer in einem Boot unterwirft sich ununterbrochen den uralten Gesetzen des Klamauks: „Gesetz Nr. 415: stinkender Käse ist komisch. Gesetz Nr. 155: Das Aufhängen eines Bildes an der Wand, falls es ein Idiot betreibt, ist komisch.“ Er beschrieb seinen Klamauk bloß mit einer ganz eigene Ironie. In den Jeeves-Romanen konnte P. G. Wodehouse ganze Bücher sich nur um einen Schnurrbart drehen lassen und brachte das Parlament dazu, ihn verbieten zu wollen. Und ich war immer der Meinung, dass der hyper-derbe Simplicissimus heute noch ein Vorbild sein sollte.
„Aber damals war alles anders“, argumentierte Astrid. „Damals war Literatur einfach Literatur. Man unterschied noch nicht zwischen E-Kultur und U-Kultur. Heute haben wir uns weiterentwickelt.“
„Das ist eine Theorie“, sagte ich. „Ich habe eine andere: Heute hat man einfach keinen Mut mehr. Der gehobene Schriftsteller sagt: ‚Wenn ich zu komisch schreibe, bin ich kein Literat mehr‘. Und der Unterhaltungsautor sagt: ‚Wenn ich gesellschaftliche Themen anfasse, verliere ich den Leser‘. Das kann man Kalkül nennen, man kann es auch feige nennen.“
„Du willst die ganze Entwicklung von Mark Twain bis Tommy Jaud einfach ignorieren, stimmt’s?“, sagte Astrid. „Du weißt schon, dass das ein Kampf wird wie Don Quixote mit den Windmühlen, oder?“
„Ich fand Don Quixote witzig“, sagte ich.
Eric T. Hansen/Astrid Ule: Nibelungenfieber, Scherz, 464 Seiten, 14,95 Euro
Eric T. Hansen, geboren 1960, verbrachte seine Kindheit auf Hawaii. Er studierte Mediävistik in München und arbeitet seit 1989 als Korrespondent für US-amerikanische und deutsche Zeitungen. 2004 erschien „Nibelungenreise“, es folgten „Planet Germany“ und „Deutschland-Quiz“.
|