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Heft 4/2009
Gesichter & Geschichten
Tagebuch eines Romans
Geht das: einen Roman zu zweit schreiben? Und das als deutsch-amerikanisches Paar? Eric T. Hansen und Astrid Ule haben es gewagt, gegen den Rat aller Freunde. Exklusiv in BÜCHER erzählt Hansen von einem ungewöhnlichen Projekt.
Vierte Folge: Rambo würde unser Buch lesen.
Von Eric T. Hansen (Text)
Uns fiel nichts ein. Gar nichts. Dabei hatten wir aus Verzweiflung schon 20 Seiten unseres Romans geschrieben und abgeliefert. Die Situation war uns klar, die wichtigsten Figuren auch. Wir hatten sogar einen ganzen Stapel lustiger Szenen. Und so standen wir um den Küchentisch herum, vor uns auf einem A4-Blatt in großen Edding-Buchstaben die Worte: „Wovon handelt die Geschichte?“
Unter dieser Überschrift blieb das Papier leer. In solch einem Fall kenne ich nur eine Lösung: größeres Papier. Ich ging raus und holte eine Packung A3-Blätter. Zu Hause schmiss ich das alte A4-Blatt weg und legte ein A3-Blatt auf dem Tisch und schrieb darauf: „Wovon handelt die Geschichte?“. In noch größeren Buchstaben.
„So ein Quatsch“, sagte Astrid. „Du kannst kein Problem lösen, nur weil du größeres Papier hast.“
„Hast du eine bessere Idee?“, schnauzte ich zurück.
Da stapfte sie aus der Wohnung und kam 20 Minuten später mit einem Stapel Karteikärtchen in verschiedenen Farben zurück. Einige legte sie auf den Tisch und schrieb die Namen unserer Hauptfiguren darauf: „Trotteliger Amerikaner Steve“, „Größenwahnsinniger Bürgermeister“, „Sexsüchtige Abgeordnete Renate“ etc.
„Wir entwickeln für jede wichtige Figur eine eigenen Handlungsstrang“, erklärte sie. „Später können wir die Stränge miteinander verweben, indem wir die Karten miteinander vermischen.“
Da standen wir, schauten die Kärtchen an und schwiegen. Sie zählte die Farben und runzelte die Stirn.
„Ob es helfen würde, wenn wir neue Eddings kaufen?“, fragte ich. „Vielleicht rot. Statt schwarz.“
„Sag mal, wenn dich jemand vor einem Monat gefragt hätte, wovon die Geschichte handelt, was hättest du geantwortet?“
„Na, von einem amerikanischen Journalisten, der ein paar Monate lang in einer deutschen Kleinstadt lebt.“
„Das ist aber noch keine Geschichte, das ist eine Situation.“
„Das habe ich langsam auch kapiert.“
„Was war es, das dich so begeistert hat, damals? Was war die ursprüngliche Idee?“
Das reichte. „Ich hasse es, wenn du sowas sagst“, schimpfte ich los. „Ich will vorwärts gehen und du willst immer nur rückwärts. Wir wollen ins Kino und können uns nicht auf einen Film einigen, und was sagst du? ‚Geh in dich und frag dich, ob du wirklich ins Kino willst.‘ Weißt du was? Du hast Angst vor Lösungen. Das ist das Problem aller Deutschen, und die Berliner sind die Schlimmsten. Ein Problem können sie stundenlang diskutieren, bis es riesengroß ist – Probleme finden sie richtig sexy, aber Lösungen finden sie langweilig, und du bist genauso. Mein Gott, das nervt!“
Sie sagte trocken: „Du weißt also nicht mehr, was dich ursprünglich begeistert hat?“
„Keinen blassen Schimmer“, gab ich zu.
„Was macht unsere Stadt Loch so besonders? Unser Journalist Steve hätte in jede Stadt kommen können – warum ausgerechnet in den Odenwald?“
„Weil der Nibelungenschatz dort liegt.“
„Na und? Jede Stadt hat irgendwas besonders“, meinte sie betont gelangweilt.
Solche Sprüche bringen mich auf die Palme. „Siehst du das denn nicht? Der Schatz bedeutet einen Neuanfang. Wenn dieses Städtchen, das kein Mensch je beachtet hat, plötzlich den Schatz der Nibelungen findet, dann steht es endlich im Mittelpunkt. Es ist wie die WM 2006.“
Sie hob die Augenbrauen. Wenn etwas noch mehr auf die Palme bringt als ihre Sprüche, dann das. „Was hat denn der Schatz der Nibelungen mit dem WM 2006 zu tun?“ fragte sie.
„Muss ich denn alles immer erklären? Nach der Wiedervereinigung war der Kalte Krieg endgültig vorbei, und Deutschland durfte endlich wieder eine normale Nation unter anderen sein. Und die erste große Prüfung – das erste Mal, dass die Welt auf Deutschland schaute – war die WM 2006.“
„Da hast du es“, sagte sie triumphierend. „Das Buch handelt von der WM 2006.“
„Abgesehen von der Kleinigkeit, dass es nicht 2006 spielt, sondern 2002, und es heißt nicht Fußballfieber, sondern Nibelungenfieber.“
„Du bist es doch, der immer davon schwärmt, dass ein Buch oder Film von etwas ganz anderem handeln kann als es scheint.“
Jetzt verwendete sie meine eigenen Argumente gegen mich. Schon wieder. Ab und zu, wenn ich sie in einen Kinofilm schleppen will, sie sich aber weigert, weil irgendeine Kritik den Film als anspruchslose Unterhaltung verdammt hatte, erzähle ich ihr vom „Rambo-Effekt“. Viele Menschen in Hollywood, vor allem Drehbuchautoren, hatten damals lange darüber gerätselt, warum die beiden Rambo-Filme so unglaublich erfolgreich waren. Irgendwann begann man, vom „Rambo-Effekt“ zu reden: Es ist ja so, dass der Vietnamkrieg für Amerika eine Demütigung ohne gleichen darstellte. Wir haben nicht nur verloren, wir haben die Soldaten, die wir dahin geschickt hatten, irgendwie verraten. In den Filmen kommt Rambo zurück aus dem Krieg und findet eine Heimat vor, die ihn hasst. Was macht er? Anstatt darunter zu leiden und sich zu schämen, kämpft er gegen seine Verfolger und gewinnt seinen Stolz zurück. Im zweiten Film befreit Rambo einen Kumpel aus der vietnamesischen Gefangenschaft, wo er von seiner Regierung vergessen wurde.
Vordergründig war Rambo eine einfache Actionfilmserie. Doch es gab eine Geschichte hinter der Geschichte, die der Durchschnittszuschauer gar nicht bemerkte, und diese handelte von einem nationalen Trauma und seiner Überwindung. Diese Art, Filme zu schreiben, ist in Hollywood sehr verbreitet – man schreibt über Robin Hood zum Beispiel, meint aber in Wirklichkeit den Kampf der Amerikaner um ihre Unabhängigkeit von England 1776. Wenn Drehbuchautoren von „Parabeln“ oder von „Subtext“ reden, meinen sie die Geschichte hinter der Geschichte.
Merkst du was?“ fragte Astrid. „Wir schreiben gerade eine Parabel. Wir Deutschen dürfen endlich wieder stolz sein, aber gleichzeitig haben wir Angst, dass wir wieder Mist bauen.“
Ich schaute sie verdutzt an. Mir fiel eine Figur aus unserem Roman ein: der Bürgermeister, der die Chance wittert, sein geliebtes Winz-Städtchen groß raus zu bringen, und dabei vielleicht doch etwas übertreibt.
Ich kannte dieses Thema gut. Es ist ein sehr deutsches Thema. Ich habe es über die letzten 25 Jahre immer wieder beobachtet. Es war die Stolz-Frage: „Warum darf ich nicht stolz sein auf meine Heimat wie andere Menschen auch?“ Und es war die Schlussstrich-Debatte: „Ich bin erst nach dem Krieg geboren, mich trifft keine Schuld. Irgendwann muss Schluss sein.“ Doch zugleich lauert als Korrektiv stets diese Angst im Hinterkopf: „Immer, wenn wir Deutschen was Besonderes sein wollten, sind wir sofort größenwahnsinnig geworden – das kann auch diesmal wieder passieren.“
„Mein Gott“, sagte ich, „ich dachte die ganze Zeit, wir beschreiben einfach ein Sammelsurium von aufgeregten Leuten, die immer wieder auf die Fresse fallen. Aber das ist ein richtiger Roman.“
Wir fingen an zu schreiben. Aber bevor wir anfingen, ging ich raus und kaufte ein Handvoll rote Eddings. Nur, um ganz sicher zu gehen.
Eric T. Hansen/Astrid Ule: Nibelungenfieber, Scherz, 464 Seiten, 14,95 Euro
Eric T. Hansen, geboren 1960, verbrachte seine Kindheit auf Hawaii. Er studierte Mediävistik in München und arbeitet seit 1989 als Korrespondent für US-amerikanische und deutsche Zeitungen. 2004 erschien „Nibelungenreise“, es folgten „Planet Germany“ und „Deutschland-Quiz“.
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