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Heft 4/2009
Gesichter & Geschichten
Tagebuch eines Romans
Geht das: einen Roman zu zweit schreiben? Und das als deutsch-amerikanisches Paar? Eric T. Hansen und Astrid Ule haben es gewagt, gegen den Rat aller Freunde. Exklusiv in BÜCHER erzählt Hansen von einem ungewöhnlichen Projekt.
Fünfte Folge: Der Unterschied zwischen einem Urlaubsflirt und der Ehe ist ein Jahr in der Hölle.
Von Eric T. Hansen (Text)
Jeder weiß, wie man einen Roman schreibt. Astrid und ich wussten es auch. Wir hatten es oft genug im Kino gesehen, in Filmen wie „Misery“ oder „Shining“ zum Beispiel: Der Autor setzt sich in einen ruhigen, lichtdurchfluteten Raum, schiebt ein Blatt in die Schreibmaschine und tippt den Titel ein. Dann legt er einfach los. Neben ihm auf dem Schreibtisch (selbst, wenn er am Computer arbeitet) stapeln sich die Blätter, und wenn der Stapel hoch genug ist, tippt der Autor „Ende“ ein und gönnt sich eine wohlverdiente Zigarre und einen teuren Whisky.
Das können wir auch, sagten wir uns. Nur zweimal schneller, natürlich, denn wir sind zu zweit. Wir teilen einfach die verschiedenen Erzählstränge auf – ich nehme zum Beispiel die Peter-und-Aische-Liebesgeschichte und Astrid nimmt die Nadine-und-Drafi-Story – und tippen los. Im Großen und Ganze sind wir ja einig, und später können wir die Erzählstränge zusammenfügen. Astrid ging in ihr Arbeitszimmer, ich in meins – und wir machten die Türen hinter uns zu.
Nach einer Woche trafen wir uns in der Küche und zeigten einander unsere Arbeit.
„Schau mal“, sagte ich. „Ich habe gerade Aische die Kriemhild-Rolle beim Nibelungen-Festspiel gegeben. Das ist die einzige Möglichkeit, wie sie Peter kennenlernen kann – über das Festspiel.“
„Wie, was?“ sagte Astrid. „Aische kann nicht die Kriemhild spielen, ich habe die Kriemhild-Rolle an Nadine gegeben. Das geht nicht anders: Was macht die Frau sonst überhaupt in Loch?“
Da standen wir uns gegenüber, in der Küche, wie zwei Westernhelden in „Zwölf Uhr mittags“, die gleich aufeinander schießen werden – statt Colts hielten wir Kapitel in der Hand, die wir gleich in die Tonne kloppen könnten.
In jeder Beziehung kommt irgendwann – meist ganz früh – der Punkt der Prüfung. Auch, wenn man einen Roman schreibt – mit dem Unterschied, dass nur 50 Prozent aller Ehen in Scheidung enden, während 99 Prozent aller Buchvorhaben nie zu Ende gebracht werden. Ob man ein Buch zur zweit oder allein schreiben will: Es fängt immer genauso an wie eine Liebesbeziehung. Mit einem Knall verliebt sich der Autor in eine Romanidee. Das Buch, das ihm vorschwebt, ist immer ein einzigartiges Buch, das beste Buch der Welt, schön und erhaben und voller tiefer Wahrheiten. Monatelang schwebt er auf Wolke 7. Dann lernt er das Buch näher kennen.
In der Beziehung funktioniert das so: Wenn der Mann der Frau zum dritten Mal verspricht, das nächste Mal werde er ganz sicher die Spritzer, die nach dem Zähneputzen wie durch Zauberei auf dem Badezimmerspiegel erscheinen, wegwischen, weiß die Frau irgendwie an der Art, wie er es verspricht, dass es beim Versprechen bleiben wird. Entweder muss er also gehen, oder sie muss sich damit abfinden, für immer beim Schminken komische kleine Flecken im Gesicht zu sehen. Auch der Autor muss erleben, dass sein geliebtes Buch nicht alles macht, was er will. Die Sätze auf dem Papier gleiten nicht so leicht dahin, wie er sich das vorgestellt hatte. Die Handlung macht unerwartete Umwege, die seine Pläne für die weitere Handlung durchkreuzen. Er muss auf einige seiner glänzenden Ideen verzichten, die ihm doch so unwahrscheinlich gut stehen. Und im Übrigen ist das ständige Tippen tagein tagaus längst nicht so spannend, wie er sich vorgestellt hatte. Im Gegenteil, man könnte fast von einer gewissen Langweile reden.
Das ist der Punkt, an dem man sich entweder wieder trennt, oder sich zusammen setzt und schriftlich nieder legt: Er wischt den Badezimmerspiegel ab. Sie nörgelt nicht, wenn er Fußballspielen will. Aus einer Liebesbeziehung wird ein Unternehmen mit Satzung und Regeln. Auch beim Schreiben kommt dieser Punkt. Meist kommt er dann, wenn der Autor gerade einen genialen Titel, ein furioses erstes Kapitel und ein knackiges Zitat von Goethe gefunden hat, das er voranstellen kann. Und mehr nicht. Für jedes Buch, das auf den Markt kommt, liegen irgendwo tausende Manuskripte herum, die nur aus einem genialen Titel, einem furiosen ersten Kapitel und einem knackigen, vorangestellten Zitat von Goethe bestehen.
So viel hatten Astrid und ich von unserem Nibelungenfieber auch bereits – mehr noch: Wir hatten sogar schon eine sentimentale Widmung – als unsere schriftstellerischen Flitterwochen ohne Vorwarnung aufhörten. Also warfen wir unsere Ideen von Spontaneität, Inspiration und der Leichtigkeit des Schreibens über Bord, setzten uns hin und machten daraus ein Unternehmen mit Satzung und Regeln. Erster Regel: Wir arbeiten nach einem verbindlichen Plan. Wir schrieben alle Figuren auf und auch das, was ihnen passiert, und gaben ihnen eine Chronologie. Und stellten prompt fest, dass wir zu viele Figuren hatten und dass sie mit ihren einzelnen Schicksalen einander hinderten. Einige mussten rausfliegen.
Als wir die Handlung endlich gestraft hatten, teilten wir sie in einzelne Kapitel auf. Anfangs war unsere Kapitelliste nur drei Seiten lang – sie bestand ja auch nur aus Stichworten – doch als es wieder ans Schreiben ging, wuchs sie einer umfangreichen Zusammenfassung an. Als mit jedem neuen Kapitel neue Details und Probleme auftauchten, wurde die Zusammenfassung zu einer Art Parallel-Roman, der genauso viele Fassungen durchwanderte wie der richtige Roman auch.
So hatte ich mir das Roman-Schreiben nicht vorgestellt: Morgens aufstehen, Kapitel-Liste anschauen, tippen, konzentrieren, Langeweile bekämpfen, die Versuchungen von YouTube bekämpfen, noch mal schreiben, Kapitel-Liste aktualisieren. Wo blieb die Inspiration? Das Gefühl, das ich in den ersten Wochen hatten, als die Idee noch jung und knackig war – dass ich auf Wolken ging – wo ist das geblieben? Wo die Spontaneität?
Das hier war harte Arbeit. Ich kam mir wie ein Bauherr vor, der auch noch an Baupläne gebunden war, die immer wieder geändert wurden, je höher das Gebäude wuchs, und ich merkte mir schon mal vor: Sollte ich jemals den Beruf ändern, bloß nie niemals in die Baubranche einsteigen. Und so würde es noch ein Jahr lang gehen – so etwa dauert es, ein Buch zu schreiben. Ich vermisste die Zeit, als ich mit Freunden im Cafe saß und von unserer großartigen Idee schwärmte. Das ist es doch, warum man Schriftsteller wird – nicht, um sich abzurackern.
Doch als wir es irgendwann tatsächlich geschafft hatten, dass das halbe Gebäude stand, wurde uns zum ersten Mal klar, dass wir es möglicherweise schaffen könnten, das Buch wirklich zu Ende zu schreiben. Das war der Punkt, an dem Astrid mich in die Küche bestellte und sagte: „Jetzt reden wir über das Problem mit dem Badzimmerspiegel.“
Eric T. Hansen/Astrid Ule: Nibelungenfieber, Scherz, 464 Seiten, 14,95 Euro
Eric T. Hansen, geboren 1960, verbrachte seine Kindheit auf Hawaii. Er studierte Mediävistik in München und arbeitet seit 1989 als Korrespondent für US-amerikanische und deutsche Zeitungen. 2004 erschien „Nibelungenreise“, es folgten „Planet Germany“ und „Deutschland-Quiz“.
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