BÜCHER 4/2010

BÜCHER auf


Heft 4/2009

Gesichter & Geschichten

 

 

Tagebuch eines Romans

 

 

 

Geht das: einen Roman zu zweit schreiben? Und das als deutsch-amerikanisches Paar? Eric T. Hansen und Astrid Ule haben es gewagt, gegen den Rat aller Freunde. Exklusiv in BÜCHER erzählt Hansen von einem ungewöhnlichen Projekt.

 

 

 

Sechste Folge: Mein Buch, Dein Buch

 

 

 

Von Eric T. Hansen (Text)

 

 

 


Als ich einem Freund, einem Autor, eröffnete, ich würde zusammen mit meiner Freundin Astrid einen Roman schreiben, warnte er mich: „Das ist dann aber nicht mehr dein Buch.“ Das stimmte, und es machte mich nervös. Kein Autor will, dass jemand anders an seinem Baby herum pfuscht. Allerdings, bis dahin war es gut gegangen – Astrid und ich waren immer einer Meinung und sie bereicherte den Text mit Ideen, die mir nicht eingefallen, und mit Korrekturen, die mir entgangen wären. Doch dann kam der Tag, an dem unsere literarischen Wege sich trennten. Es ging um den Hund Toto.

 

Als Totos Herrchen stirbt, sollte Toto verschwinden, dann aber immer mal wieder im Hintergrund auftauchen. Und jedes Mal, wenn der Leser ihn wahrnimmt, hat er ein anderes Herrchen: Zuerst hängt er bei einem Obdachlosen herum, dann schmeichelt er sich bei dem Dönerbudenbesitzer ein, dann sehen wir ihn beim Bürgermeister und am Ende liegt er parfümiert und frisiert auf der weißen Ledercouch der reichsten Frau des Ort.es Während alle anderen im Buch bei der Jagd nach Erfolg immer wieder auf die Schnauze fallen, schafft es der Hund als Einziger, kontinuierlich und konsequent aufzusteigen und am Ende eine höhere gesellschaftliche Position zu erobern als alle anderen. Das fand ich witzig.

 

Doch als ich die Szenen schrieb und sie Astrid zur Überarbeitung gab, kamen sie ohne Hund zurück.

„He! Was ist mit dem Hund passiert?“, bellte ich sie an.

„Ein Hund verhält sich nicht so“, schnauzte sie zurück. „Es ist unrealistisch. Ich kenne einige Hunde persönlich, und die würden so was nie tun.“

„Aber alles in diesem Buch ist unrealistisch. Es ist eine Satire. Alles ist überspitzt und absurd. Darum geht es doch.“

„Dein Hund ist eine Katze“, knurrte sie. „Ich will keine Witze in meinem Buch haben, die nicht glaubwürdig sind. Das kenne ich aus der Werbebranche, und es funktioniert nicht.“

„In deinem Buch? In deinem Buch?“, schnaubte ich.

Das ging ein paar Tage so weiter bis mir irgendwann klar wurde: Wenn ich den Hund durchsetzen wollte, ginge es nur mit Blutvergießen. Und dann wäre sie womöglich nicht mehr in der Lage, an den Roman weiterzuarbeiten.

 

Mein Freund hatte Recht: Das war nicht mehr ganz mein Buch. Andererseits: Ich bin nicht Goethe. Warum ging ich automatisch davon aus, dass ich recht hatte und nicht sie? Ich habe im Leben eine Menge schlechter Bücher gelesen, die durch die Meinung einer couragierte Co-Autorin hätten gerettet werden können, wenn der Autor in der Lage gewesen wäre, sein Ego mal nach hinten zu stellen.

„Na gut“, sagte ich mir. „Ich stelle mein Ego mal nach hinten. Aber nicht umsonst.“ Ich marschierte in ihr Zimmer.

„Ich schenk dir den Hund“, grummelte ich. „Aber ich will was dafür haben.“

„Was denn?“

„Diese Woche bringst du den Müll raus.“

Da stand sie auf, ging ohne ein Wort in die Küche. Und brachte den Müll raus.

Das eröffnete ganz neue Perspektiven.

 

 

Eric T. Hansen/Astrid Ule: Nibelungenfieber, Scherz, 464 Seiten, 14,95 Euro

 

 

Eric T. Hansen, geboren 1960, verbrachte seine Kindheit auf Hawaii. Er studierte Mediävistik in München und arbeitet seit 1989 als Korrespondent für US-amerikanische und deutsche Zeitungen. 2004 erschien „Nibelungenreise“, es folgten „Planet Germany“ und „Deutschland-Quiz“.