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Heft 4/2009
Gesichter & Geschichten
Tagebuch eines Romans
Geht das: einen Roman zu zweit schreiben? Und das als deutsch-amerikanisches Paar? Eric T. Hansen und Astrid Ule haben es gewagt, gegen den Rat aller Freunde. Exklusiv in BÜCHER erzählt Hansen von einem ungewöhnlichen Projekt.
Siebte Folge:Englisch ist Germanisch, Deutsch ist Latein
Von Eric T. Hansen (Text)
Klug wie ich bin, sagte ich nichts, als Astrid, meine Co-Autorin, mit der ich auch zusammenlebe, mir endlich das Verführungskapitel zwischen Peter und Nadine vorlegte, und ich es überhaupt nicht ausstehen konnte. Sie hatte die ganze Woche daran gearbeitet. Sie war stolz darauf. Das Kapitel war in ihren Augen perfekt. Also hielt ich den Mund und dachte nach.
„Du hasst es, oder?“, sagte sie.
„Nein nein, so ist das nicht“, sagte ich. „Es ist nur...“
„Du findest es scheiße.“
„Nun, was heißt scheiße, so kann man das nicht sagen…“
„Dann sag endlich, was du denkst.“
Na gut, sie wollte es hören. „Okay“, sagte ich. „Ich sage, was ich davon halte. Du feilst und feilst an diesen Szenen tagelang, bis alles total durchdacht und hieb- und stichfest ist. Du willst den Rhythmus und die Struktur darstellten und bist stolz darauf, dass du alle relevanten Infos erfasst hast, aber mit Kleinkram wie Dialogen hältst du dich gar nicht erst auf. Es kommen keine richtigen Szenen vor, du skizzierst sie nur, du fasst alles zusammen und beschreibst vielleicht dazu die Atmosphäre. Das ist kein Roman, was du schreibst, das ist die Zusammenfassung eines Romans!“
Es kann sein, das ich in meinem Frust die Stimme nur ein ganz klein wenig angehoben hatte. Sie starrte mich mit kalten Augen an.
„Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen“, gab sie zurück. „Genau das ist dein Problem. Du schreibst von Anfang an szenisch und nur szenisch und hältst dich nicht mit Beschreibungen oder Erklärungen auf. Es heißt immer Action, Action, Action. Wenn ich eine erste Fassung von dir kriege, weiß ich gar nicht, in welchem Zusammenhang sie zu dem restlichen Roman steht. Ich muss erst mal alles umschreiben, damit ich es auch verstehe, bevor ich überhaupt weiß, ob es gut ist oder nicht. Du schreibst keinen Roman, du schreibst ein Hollywood-Drehbuch und hoffst, dass der Regisseur alles rettet. Du hast keine Ahnung von Literatur. “
Nur wenige Sekunden nach diesen doch ziemlich klaren Aussagen konnte man unsere Stimmen bis ins Nachbarhaus hören und das Zuknallen der Türen auch. Wenn das ein ganzes Jahr so weiter ginge – denn fast ein Jahr hatten wir noch vor uns, bevor das Buch fertig wäre und wir uns im guten Gewissen unter lautstarken gegenseitigen Vorwürfen voneinander trennen könnten – würden wir uns vorher umbringen.
Ich musste was tun. Die Antwort, dachte ich, liegt entweder in einer teuren Paartherapie oder in der Sprache selbst. Wir kommunizieren zwar ganz anständig miteinander auf Deutsch, mündlich wie schriftlich, aber tief im Herzen denken wir in zwei ganz anderen Sprachen. Und weil Sprache unser Grundwerkzeug ist, ist das vielleicht auch der Grund, warum wir in Sachen Schreiben so verschieden sind.
Also schloss ich die Tür zu meinem Arbeitszimmer – obwohl sie darauf einhämmerte und mich mit neuen Argumenten in der Luft zerreißen wollte –, nahm ihre fertige Verführungsszene und schrieb sie nochmal ganz neu – in der Art, wie es mir gefiel. Dann legte ich die beiden Versionen nebeneinander und suchte nach dem grundlegenden Unterschied.
Die Szene wie Astrid, die Deutsche, sie schrieb, ging so:
Peter ging zur Garderobe, wo Nadine mit einem hautengen Kostüm kämpfte, das doch sehr an die Kostüme von Cher in ihrer wildesten Phase erinnerte und einen bodenlangen Reißverschluss am Rücken hatte, den sie nicht aufbekam. „Kann mir mal einer verraten, wie ich hier rauskommen soll?“, sagte sie grimmig. Peter legte Hand an und zog den Reißverschluss in einer herzhaften Bewegung nach unten, worauf das Kleid wie eine zweite Haut von Nadine abfiel und er vor Schreck zurückwich: Darunter war sie völlig nackt.
Die gleiche Szene, wie ich, der Ami, sie schrieb, ging so:
Peter drehte sich um. Nadine stand lasziv gegen die Tür gelehnt. Was sie da trug, war definitiv nicht das bisherige Kostüm. Dies hier war Cher, wie sie auf die USS Missouri geschlendert war: nichts als hochhackige Lackstiefel und schwarze Netze mit einem einzigen langgezogenen, aber dennoch so gut wie durchsichtigen Tangaslip darunter. Das war nicht mehr Cher aus der Zeit, als sie noch jung und frisch war, das war Cher, als sie schon alt und sexy war. „Ich mache mir Sorgen um meine Brustwarzen“, hauchte Nadine und öffnete ihr Lederjäckchen, um ihm zu beweisen, dass man wirklich alles sehen konnte.
Es dauerte eine Weile, bis ich den Unterschied zwischen den beiden Varianten fand, aber ich fand ihn: Meine Szene – eine ganz typische englischsprachige Szene – stockte. Die Sätze beginnen so schnell wie sie wieder enden. Auf Englisch lieben wir kurze Sätze. Wir sehen Peter. Punkt. Wir sehen Nadine. Punkt. Peter und Nadine bekommen jeweils ihren eigenen Satz, weil sie Gegner sind, wie Boxer im Ring, jeder in der eigenen Ecke, und wenn man Gegner einzeln darstellt, erhöht das die Dramatik. Nadine hat eine besonders gefährliche Waffe – ihr Kostüm, und das, was darunter ist. Das muss ausführlich beschrieben werden, um seine volle Wirkung zu entfalten, wie die Waffen, die von „Q.“ am Anfang jedes Bond-Filmes erklärt werden.
Die deutschsprachige Szene war anders aufgebaut. Schon der erste Satz floss von Komma zu Komma, er sprang flink von Peter zu Nadine zur Garderobe zum Kostüm und dann zum Reißverschluss hin und endete erst, als ein ganzes Panorama sichtbar wurde. Die Sätze sind elegant, sie fließen, und gleichzeitig enthalten sie alles, aber auch alles, was man wissen muss. In der deutschen Erzähltradition scheint man bemüht, immer die gesamte Situation in einem einzigen Panorama-artigen Satz darlegen zu wollen.
Auf einmal verstand ich den Unterschied zwischen unseren beiden Sprachen: Englisch ist Germanisch und Deutsch ist Lateinisch. Ich hörte den Begriff „germanisch“ in Bezug auf die englische Sprache lange, bevor ich überhaupt wusste, was ein Germane war. Es war noch auf Hawaii, in einem Kurs für Kreatives Schreiben. Da lernten wir, dass Englisch eine germanische Sprache ist, die sehr vom Lateinischen und Griechischen beeinflusst wurde. Die germanische Seite sei eher sinnlich, erdgebunden, körperlich und so emotional wie vulgär, während die lateinische Seite distanzierter, abstrakter und verkopfter sei.
Das beste Beispiel (im Englischen) ist „Sex“. Auf den ersten Blick scheint „Sex“ ein sinnliches Wort zu sein. Doch wenn man es mit „Fucking“ vergleicht, wirkt es blutleer und theoretisch. Auf einer Uni kann man ein „Institut für Sexualkunde“ einrichten, und bei Johannes B. Kerner kann man über „Erotik“ diskutieren, aber „Fucking“ macht man nur zu zweit. „Sex“ kommt aus dem Lateinischen; „Fucking“ aus dem Germanischen.
Auch die deutsche Sprache hat eine germanische und eine lateinische Seite: „Emotion“, „Humor“, „Diskutieren“ sind lateinisch; „Gefühl“, „Lachen“ und „Streiten“ sind germanisch. Wer dem Leser in die Seele schreiben, sein Bauchgefühl ansprechen will, der tut gut daran, so germanisch wie möglich zu schreiben. Wer den Kopf des Lesers erreichen will – z.B. Akademiker – der schreibt besser lateinisch. Latein ist Kopfsprache; Germanisch ist Bauchsprache.
Nun fragte ich mich, ob man auch eine Sprache an sich in „lateinisch“ und „germanisch“ einteilen kann. Es wäre logisch zu sagen, Deutsch sei „Germanisch“, aber in Wahrheit neigt Deutsch sehr stark zum Lateinischen. Es liegt am Satzbau.
Kennen Sie die beiden Sätze, die jeder Amerikaner, der jemals im Deutschunterricht sitzt, irgendwann lernt? Es sind: „Der Hund biss den Briefträger“ bzw. „Den Briefträger biss der Hund“. Diese Sätze sind so schön deutsch, weil es völlig egal ist, in welcher Reihenfolge „den Briefträger“ bzw. „der Hund“ kommt. Dank der Fälle „der“ und „den“ wissen wir so oder so, wer wen beißt. Das ist die starke Ähnlichkeit zwischen dem Deutschen und dem Lateinischen: die Deklination.
Im Englischen können wir die Fälle nicht durch die Beugung der Artikel kenntlich machen, und das ist erst einmal ein Handicap. Die Fälle sind allein durch den Satzbau zu erkennen. Der Hund muss grundsätzlich als erster im Satz auftauchen, weil er es ist, der beißt. Kommt der Mann an erster Stelle – „The postman bit the dog“ – dann ist es der Briefträger, der beißt. Wir sind an einen sehr starren Satzbau gebunden: Der, der was tut, kommt immer als erster.
Das hat aber auch einen großen Vorteil, denn es zwingt uns, unsere Sätze dramatisch aufzubauen. Wenn man einen Satz als Geschichte im Kleinen begreift, dann verläuft der englische Satz grundsätzlich chronologisch: Zuerst lernen wir den Helden der Geschichte kennen (den Hund); dann seine große Tat (beißen), dann seinen Gegner oder das Ziel (den Briefträger). Wenn schon jeder Satz dramatisch aufgebaut ist, dann ist es ein Leichtes, die Geschichte ebenso zu strukturieren. Das ist der Grund, warum die anglo-amerikanische Erzähltradition so gut funktioniert.
Im Deutschen ist eine dramatische Reihenfolge nicht zwingend notwendig. Man kann problemlos hin und her springen. Dank der Wendigkeit der Sprache und ihrer vielen grammatischen Signale fällt es einem deutschen Autor leicht, eine Szene ohne jede Dramatik, dafür umso analytischer darzustellen: „Das versuchte Verführen von Peter vollzog sich mit Hilfe eines besonders reizvollen Kleidungsstückes, das Nadine zu diesem Zweck schnell über- und mit der Bitte um Assistenz beim Bedienen des Reißverschlusses genauso schnell wieder von sich warf.“
Als ich endlich den Unterschied zwischen Deutsch und Englisch kapiert hatte, machte ich meine Arbeitszimmertür wieder auf, ging in Astrids Büro und sagte ihr: „Jetzt habe ich unser Problem verstanden. Ich bin germanisch; du bist lateinisch.“
Sie sagte nur: „Ist das deine Art, um Entschuldigung zu bitten?“
Ich drehte mich ohne ein weiteres Wort und ging wieder an meinen Schreibtisch. Ich dachte angestrengt nach. Mein Kopf sagte mir: Meine ganze schwierige, linguistisch hoch interessante Analyse unserer beiden Sprachen hatte mit einer Entschuldigung überhaupt nichts zu tun.
Mein Bauch sagte mir: Das ist völlig gleichgültig, du gehst wieder dahin und sagst „Ja.“
Ich ging zurück zu ihr und sagte: „Ja.“
Eric T. Hansen/Astrid Ule: Nibelungenfieber, Scherz, 464 Seiten, 14,95 Euro
Eric T. Hansen, geboren 1960, verbrachte seine Kindheit auf Hawaii. Er studierte Mediävistik in München und arbeitet seit 1989 als Korrespondent für US-amerikanische und deutsche Zeitungen. 2004 erschien „Nibelungenreise“, es folgten „Planet Germany“ und „Deutschland-Quiz“.
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