|
Heft 4/2009
Gesichter & Geschichten
Tagebuch eines Romans
Geht das: einen Roman zu zweit schreiben? Und das als deutsch-amerikanisches Paar? Eric T. Hansen und Astrid Ule haben es gewagt, gegen den Rat aller Freunde. Exklusiv in BÜCHER erzählt Hansen von einem ungewöhnlichen Projekt.
Achte Folge:Das Herz der Bananenschale
Von Eric T. Hansen (Text)
Alle glauben, Selbstmord sei einfach: „The easy way out“, so nennen wir Amis das – „der leichte Ausweg“. Stimmt gar nicht. Selbstmord ist alles andere als leicht, das kann ich Ihnen sagen. Ich saß schon seit Tagen an meiner Selbstmordszene und hatte keine Ahnung, wie ich es anstellen sollte.
Egal, wie stur ich auf den Bildschirm starrte; egal, wie viele Worte ich fand, die sich auf „Selbstmord“ reimen: Ich konnte die Szene nicht schreiben. Ich war so verzweifelt, dass ich den Fußmarsch durch den langen Flur in Astrids Büro wagte und sagte: „Du, ich weiß nicht. Sich über Selbstmord lustig zu machen, scheint mir unanständig. Darf man das überhaupt?“
„Das fragst du zum zwölften Mal“, war ihre Antwort. „Ich finde nach wie vor Selbstmord ist prädestiniert für Komik. Erstens ist er sehr störungsanfällig – wie der Aufbau eines Liegestuhls. Dann ist er sehr intim. Alles, was intim ist, wird schnell peinlich, wie Sex. Und was ist komischer, als wenn Selbstmord scheitert? Ich meine, wirklich. Wenn ein Typ es nicht mal schafft, sich umzubringen, dann bleibt ihm erst recht nichts anderes als Selbstmord übrig.“
Man muss wissen: Manchmal ist Astrid eine recht zynische Person.
„Ich bin nicht sicher, ob der durchschnittliche Leser das so sieht wie du“, sagte ich vorsichtig.
„Ach komm. In der Literatur wimmelt es doch nur so von komischen Todesfällen.“
„Ja, aber komische Selbstmorde kenne ich keine“, meinte ich. „Höchstens im Kino. Aber im Roman? Das ist eher selten, und es wird schon einen Grund geben. Was ist schließlich pathetischer als Selbstmord? Egal, welcher Arsch sich aufhängt – egal, wie oft wir ihm schon mit eigenen Händen den Hals umdrehen wollten, kaum schluckt er eine Handvoll Schlaftabletten, zergehen wir vor Mitleid. Das lädt nicht gerade zur Komik ein.“
Es hatte keinen Sinn. Ich ging ins Wohnzimmer und schmiss eine Marx Brothers-DVD ein. Und lachte, bis ich mich schämte. Da saß ich und schaute diesen drei Clowns zu, wie sie der stoffeligen High Society den Garaus machten, und dachte: Die hätten es geschafft. Sie machten vor gar nichts halt. Sie haben sogar Krieg komisch gemacht. Warum habe ich nur so viel Ehrfurcht vor einem Selbstmord? Was macht einen Selbstmörder so besonders, dass ich ihn mit Ehrfurcht behandeln will, wo ich doch kein Problem habe, über Leute herzuziehen, vor denen ich wirklich Respekt habe?
Unwillkürlich musste ich an die Bananenschale denken. Die Bananenschale ist das Herz der Komödie. Die Szene, in der ein Mann auf einer Bananenschale ausrutscht, ist alles, was man über Humor wissen muss. Der Mann – das ist ein Respektsperson, ein großes Tier. Das ist ein Ackermann, ein Bush, ein Obama, ein Müntefering. Er strahlt Autorität aus, er ist mehr als du und ich, größer, wichtiger. Dann rutscht er auf der Bananenschale aus und plötzlich ist er wieder ganz klein. Das ist der Kern von jedem Witz: den Menschen wieder so kleinzumachen, wie er sein soll.
Es gibt zwei Arten, das Leben zu sehen: die heldenhafte Sichtweise und die komische Sichtweise. Die heldenhafte Sichtweise zeigt Napoleon auf dem Schlachtfeld, wie er die Schicksale der Menschen bestimmt. Die komische Sichtweise zeigt Napoleon im Zelt beim Frühstücken vor der Schlacht. Er versucht dabei die Zeitung zu lesen, aber es ist die Zeitung von gestern, und er regt sich auf und kippt die Kaffeekanne um, und wenn er versucht aufzustehen, damit seine Hose nicht befleckt wird, merkt er nicht, dass das Tischtuch an seine Gürtelschnalle festhängt und alles fliegt vom Tisch und sein Uniform ist voller Eidotter und Marmelade und Butter und Leberwurst. Welcher ist der wahre Napoleon: Der Halbgott oder der Mensch? Also ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber bevor ich das Urteil der Historiker akzeptiere, will ich wissen, wie es Napoleon beim Frühstücken erging.
Ich marschierte in die Küche und erzählte Astrid von Napoleon und den Marx Brothers. Instinktiv griff sie nach einer Banane und begann sie zu schälen.
„Du versuchst, komisch zu schreiben“, sagte sie. „Versuch doch mal, heldenhaft zu schreiben. Aber richtig heldenhaft. Nimm seine Verzweiflung ernst. Lass uns ihn bemitleiden. Lass ihn kämpfen um seinen Selbstmord. Lass alles gegen ihn sein, aber er versucht es immer weiter und fällt immer wieder auf die Schnauze. Wirklich komisch wird es erst, wenn es wirklich heldenhaft ist.“
„Jetzt bin ich erst recht verwirrt“, sagte ich.
„Stell dir vor, es ist Napoleon, der versucht, Selbstmord zu begehen“, sagte sie.
„Das wiederum kann ich verstehen.“
„Was sitzt du dann hier noch?“
„Ich warte nur, bis du die Banane zu Ende gegessen hast“, sagte ich vorsichtig.
Eric T. Hansen/Astrid Ule: Nibelungenfieber, Scherz, 464 Seiten, 14,95 Euro
Eric T. Hansen, geboren 1960, verbrachte seine Kindheit auf Hawaii. Er studierte Mediävistik in München und arbeitet seit 1989 als Korrespondent für US-amerikanische und deutsche Zeitungen. 2004 erschien „Nibelungenreise“, es folgten „Planet Germany“ und „Deutschland-Quiz“.
|