BÜCHER 4/2010

BÜCHER auf


Heft 4/2009

Gesichter & Geschichten

 

 

Tagebuch eines Romans

 

 

 

Geht das: einen Roman zu zweit schreiben? Und das als deutsch-amerikanisches Paar? Eric T. Hansen und Astrid Ule haben es gewagt, gegen den Rat aller Freunde. Exklusiv in BÜCHER erzählt Hansen von einem ungewöhnlichen Projekt.

 

 

 

Neunte Folge: Zu weit ist nicht weit genug

 

 

 

Von Eric T. Hansen (Text)

 

 

 


„So was kannst du nicht schreiben“, sagte Astrid, und pfefferte Seite 32 auf meinen Schreibtisch. „Keiner wird auch nur ein Satz weiter lesen, wenn das drin bleibt. Kein Deutscher, meine ich.“

Ich schaute mir Seite 32 an. Es handelte sich um ein Telefongespräch zwischen unserem Helden Steve und seiner Ehefrau Carla, in dem die beiden zunehmend intim werden:

 

„Na, meine geile Nazi-Maus?“ meint da Steve verführerisch. „Lust auf Ferkeleien?“

„Das kommt drauf an, was du darunter verstehst, mein kleines amerikanisches Imperialisten-Schwein“, antwortet Carla.

 

„Du kannst doch nicht ‚meine geile Nazi-Maus‘ schreiben“, meinte Astrid empört.

„Wieso nicht?“ fragte ich, ehrlich erstaunt. „Du selbst hast gesagt, wir brauchen gute Koseworte für die beiden. Das ‚kleine Imperialisten-Schwein‘ war doch deine Idee.“

„Das ist auch noch lustig“, sagte sie. „Aber ‚Nazi-Maus‘ ist unter aller Sau. Wir schreiben für deutsche Leser. Das geht zu weit.“

„Im Gegenteil“, sagte ich. „Wir gehen nicht weit genug.“

„Das kann nur so ein Hollywood-fixierter Turbo-kapitalistischer Rambo-Ami sagen“, maulte sie und zog ab. Womit sie nicht Unrecht hatte.

 

Das Problem liegt in der Selbstwahrnehmung der Leser. Amerikaner sehen sich selbst gern als außergewöhnlich und lesen gern außergewöhnliche Geschichten. In der amerikanischen Literatur, im Film und Fernsehen muss alles extrem, neu und anders sein. Der Leser bzw. Zuschauer muss über die Realität in eine Hyperrealität transportiert werden. Je außergewöhnlicher, desto besser. Hauptsache: Bigger than life.

 

Die Deutschen dagegen sehen sich als die einzigen Normalen in einer verrückten Welt. Sie lieben es, darin bestätigt zu werden. Das heißt nicht, dass die Deutschen nicht genauso verrückt sind wie die Amis. Es heißt nur, dass sie sich nicht für verrückt halten. Als 2005 ein todessehnsüchtiger Sportflieger beinahe in den Reichstag gestürzt ist, sahen die Deutschen in einer derart extremen Tat eher die Ausnahme. Wäre das bei uns passiert, hätten wir Amis gesagt: „So was Verrücktes kann nur in Amerika passieren!“

 

Diese Erwartung schlägt sich auch in der Unterhaltung nieder. Vergleichen Sie mal die Krimiserien „Tatort“ mit „CSI“. Bei „Tatort“ passiert nie etwas, was nicht jeden Tag in der Nachbarschaft geschehen könnte. Bei „CSI“ sind die schönsten Folgen die, in denen etwas völlig Abartiges und Skurriles passiert. Ich erinnere mich gern an die Folge, in der ein Mann kreuz und quer durch Las Vegas mit einem Pflock durch seinen Kopf rumgelaufen ist. Oder an den Sexclub, in dem alle als große Plüschtiere verkleideten. In einer amerikanischen Serie akzeptieren das die deutschen Zuschauer gern, aber würde sowas jemals in „Tatort“ auftauchen, stünde das Zuschauertelefon nicht still.

 

Nun war Astrid deutsch und ich Amerikaner. Zweimal die Woche gerieten wir uns in die Haare darüber, ob wir zu weit gehen – oder nicht weit genug. Zum Beispiel das mit Hermann Göring. Wer heute etwas auf der Uni das „Nibelungenlied“ studiert, lernt als erstes, dass die Nazis den Text missbraucht haben. Das schlimmste, wirklich ekeligste Beispiel dafür ist Görings Stalingrad-Rede: Als es klar war, dass die deutschen Soldaten in Stalingrad verrecken würden, trat Göring mit einer Durchhalterede auf, in der er die Heldentaten der Nibelungen beschwor, die in einer brennenden Halle durchhielten, damit andere nach ihnen nicht mehr leiden müssten. Es ist das schlimmste Beispiel eines Literaturmissbrauchs, das die deutsche Kulturgeschichte kennt.

 

Seitdem ich die Rede auf der Uni las, hatte ich eine brennende Lust, eine Parodie darauf zu schreiben. So richtig mit viel Klamauk.

„Du wirst die Leute vor dem Kopf stoßen“, sagte Astrid. „Du bist Ami, das verstehst du nicht. Das versetzt uns einen Stoß wie nichts anderes.“

„Ich will es schreiben, ich will es schreiben!“ sagte ich.

Doch die meisten Diskussionen drehten sich um die Stadt Loch. Die Stadt musste merkwürdig sein – aber nicht so merkwürdig, dass es nicht mehr glaubwürdig war. Für mich als Ami war es schwer, die Grenze zu erkennen. Ich konnte Astrid überzeugen, dass der Hauptplatz mitten im Ort „Blatsplatz“ heißen soll, nach Maria Blats, der örtlichen Grace Kelly. Doch als ich auch ‚den kleinsten Marathon der Welt‘ in Loch ansiedelte, war das Astrid zu viel.

 

„Was meinst du damit, den ‚kleinsten Marathon der Welt‘“? fragte sie. „Wenn er nicht 42 Kilometer lang ist, ist es kein Marathon.“

„Nicht den ‚kürzesten‘“, erklärte ich, “sondern, den ‚kleinsten‘.“

„Was ist der Unterschied?“

„Es findet auf dem kleinsten Raum statt – die Teilnehmer müssen um den Blatsplatz herum laufen – 210mal.“

Da rollte Astrid nur noch mit den Augen. „Das glaubt kein Mensch. Keine Stadt Deutschlands wäre so bekloppt, sowas zu veranstalten. Kann ja sein, dass ihr Amis sowas von uns glaubt, aber wir wissen, dass sowas einfach nicht vorkommt.“

„Du darfst diese Kleinstädte nicht unterschätzen“, argumentierte ich. „Sie lassen sich alle was einfallen, wenn es darum geht, ihre Stadt bekannt zu machen. Es gibt kein Dorf, in dem man nicht Deutschlands größte Fahnenstange bewundern kann, oder die dunkelste Höhle. Schlag irgendeine x-beliebige Kleinstadt in Wikipedia nach: Du wirst sehen, irgendwas gibt’s da.“

„Der kleinste Marathon der Welt ist nicht glaubwürdig. Die Leute werden das Buch weglegen.“

 

Das war das Totschlagargument. Ich strich den kleinsten Marathon der Welt raus. Astrid war es, die noch mal auf das Thema zurückkam. Eine Woche später. Als ich hörte, wie sie hinter mir in mein Büro kam, klickte ich mein Solitaire-Spiel weg und tat so, als ob ich arbeitete. Sie hatte das Spiel gesehen, sagte aber nichts. Was nicht ihrem Brauch entsprach. Eine ganze Weile war es still. Endlich drehte ich mich um und sagte: „Dass du kein Wort über die Lippen bringst, kann nur eins bedeuten: Bei irgendwas hatte ich Recht.“

 

Sie legte mir die Zeitung auf den Tisch. Da stand ein Artikel über eine Harzer Kleinstadt namens Braunlage, in der der Bürgermeister eine großartige Idee gehabt hatte: Um Touristen in die Stadt zu locken, rief er den ersten deutschen Wettbewerb in Nacktrodeln aus. Er wurde begeistert angenommen. Es gab zahlreiche Fotos. Über die Stadt Braunlage war an dem Tag in vielen Zeitungen zu lesen – vermutlich zum ersten Mal.

 

Ohne ein Wort zu sagen fand ich meine alten Text über den kleinsten Marathon der Welt und fügte ihn in die Stadtbeschreibung wieder ein. Dann schrieb ich meine Göring-Rede-Parodie.

 

 

 

Eric T. Hansen/Astrid Ule: Nibelungenfieber, Scherz, 464 Seiten, 14,95 Euro

 

 

Eric T. Hansen, geboren 1960, verbrachte seine Kindheit auf Hawaii. Er studierte Mediävistik in München und arbeitet seit 1989 als Korrespondent für US-amerikanische und deutsche Zeitungen. 2004 erschien „Nibelungenreise“, es folgten „Planet Germany“ und „Deutschland-Quiz“.