BÜCHER 4/2010

BÜCHER auf


Heft 4/2009

Gesichter & Geschichten

 

 

Tagebuch eines Romans

 

 

 

Geht das: einen Roman zu zweit schreiben? Und das als deutsch-amerikanisches Paar? Eric T. Hansen und Astrid Ule haben es gewagt, gegen den Rat aller Freunde. Exklusiv in BÜCHER erzählt Hansen von einem ungewöhnlichen Projekt.

 

 

 

Zehnte Folge: Das Schönste am Bücherschreiben

 

 

 

Von Eric T. Hansen (Text)

 

 

 


 

 

Ein Drogenrausch der Worte; ein Sich-Ergießen der Seele aufs Papier, ja, ein Sich-Auskotzen; ein entrückter Spaziergang im Kosmos; ein Walzer des Geistes; ein Orgasmus des Gehirns, der tagelang dauert… So stellte ich mir die tägliche Arbeit eines Schriftstellers vor … bevor ich Schriftsteller wurde.

 

Jetzt weiß ich: Es gibt nur zwei Phasen, in denen das Bücherschreiben wirklich Spaß macht: Ganz am Anfang und kurz vor Schluss.

 

Bevor man eine einzige Zeile geschrieben hat, ist das Buch nur eine Idee, und eine Idee scheint immer toll zu sein. Ein Autor mit einer Idee kann vor Euphorie nicht klar denken. Die Idee scheint ihm so plastisch, so einleuchtend, so gut und von universeller Wahrheit, dass er sie innerhalb weniger Tagen formulieren könnte.

 

Erst, wenn er sich hinsetzt und zu tippen beginnt, sieht er, dass er getäuscht wurde: In Wahrheit ist die Idee nur ein winziger Bruchteil des Buches. Das Jahr, das nun damit verbracht wird, den Rest des Buches zu Papier zu bringen, ist nichts als Arbeit. Doch je mehr die Seiten sich häufen und je näher der Abgabetermin rückt, desto freier fühlt man sich. Jetzt kommt der zweite Teil des Bücherschreibens, der Spaß macht: Die Überarbeitung.

 

Endlich darf man das tun, was ein Autor gerne tut – zwangslos kreativ mit ungewöhnlichen Adjektiven, archaischen Fremdwörtern und barocken Wendungen herumspielen. Es ist wie das kühle Bier nach der harten Arbeit: Man ist so entspannt, dass einen die tollen Sprüche einfach über die Lippen schießen.

 

Als es bei „Nibelungenfieber“ endlich soweit war, und wir ein ganzes Manuskript hatten, das nur noch poliert werden musste, druckte ich die ersten paar Kapitel aus, machte mir einen Kaffee und setzte mich hin. Langsam, genüsslich, würde ich jetzt jedes Wort überprüfen, zuspitzen, Witze einbauen, alles spritziger und lebendiger machen.

 

Ich wollte gerade anfangen, als ich merkte, dass plötzlich Astrid zur Stelle war. Diese Frau hatte ein unheimliches Gespür dafür, wenn ich etwas mache, was ich nicht machen soll.

 

„Was tust du da?“ fragte sie höflich.

 

„Ich gehe an die Endfassung ran.“

 

„Das ist meine Arbeit. Gib mir das.“

 

„Nee nee, ich mache das schon. Geh du mal einen Kaffee trinken mit deiner Freundin und überlass’ das mir.“

 

Als Antwort riss sie mir die Seiten aus der Hand. „Vergiss es“, sagte sie. „Du bist Ami. Du hast nicht so ein Gefühl für die deutsche Sprache wie ich. Ich geh jetzt mit diesen Seiten ins Café. Wenn ich wieder komme, kannst du meine Korrekturen eintippen.“

 

Es wäre falsch zu behaupten, dass das Zusammenschreiben leicht ist. Im Gegenteil: Es fängt mit einem Streit an und endet mit einem Streit. Und sehr viele der Streitigkeiten, die wir in dem letzten Jahr hatten, kreisten darum, dass sie nicht genug an der Rohfassung mitarbeitete. Natürlich schrieb sie ab und zu eine Szene: die meisten Sexszenen stammen von ihr. Und immer, wenn ich in einer Sackgasse steckte, hatte sie die zündende Idee für einen Ausweg. Aber irgendwie schaffte sie es immer wieder, während sie eigentlich ein Kapitel schreiben sollte, stattdessen einen dringenden Termin zu haben.

 

„Ich bin Lektorin“, sagte sie dann. „Ich bin nicht so gut mit ersten Fassungen. Ich schreibe die nicht so gut, aber ich schreibe gut um.“ Das stimmte. Neben dem Buch lektoriert sie historische Romane. „Außerdem“, fügte sie hinzu, „klagst du selbst immer wieder darüber, dass die Lektoren von heute nicht mehr das sind, was sie mal waren.“

 

Das stimmte. Ich bin mit der Legende von Maxwell Perkins aufgewachsen – dem heimlichen Genie hinter Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Thomas Wolfe. Als Junge habe ich seine Biographie gelesen und wusste, wenn jemals aus mir ein richtiger Schriftsteller werden sollte, würde ich so einen Lektor brauchen. Doch das geht nicht mehr. Heute ist das Personal in den Verlagen geschrumpft. Verlagslektoren sind immer noch gut, ja überlebenswichtig, aber mehr als ein oder zwei Wochen können sie sich nicht mit einem Manuskript beschäftigen.

 

Also habe ich zur Sicherheit meine eigene Lektorin im Hause: Astrid ist so eine Lektorin wie Perkins. Ich merke das nicht so sehr, wenn sie mit mir an „Nibelungenfieber“ arbeitet, weil ich so sehr damit beschäftigt bin, mit ihr zu streiten. Ich merke es aber, wenn sie mit anderen Autoren arbeitet.

 

Ich höre sie manchmal im anderen Zimmer am Telefon. Ihre Methode ist klassisch: Erst mal Honig ums Maul schmieren – „Ich fand das Buch ganz toll!“ – dann, während der Autor sich auf Wolke Sieben wähnt, schreibt sie das ganze Buch um. „Ich frage mich, ob diese wunderbare dreiseitige Beschreibung des Arztes, der im Verlauf der Geschichte nie wieder vorkommt, doch etwas kürzer sein könnte. Wissen sie was? Ihre Leserinnen würden sich an dieser Stelle über eine deftige Sexszene freuen. Sie werden Fanbriefe bekommen!“

 

Sie schneidet ganze Blöcke raus, stellt andere Blöcke um und fügt fehlende Szenen hinzu. Selbst vor Dialogen macht sie nicht Halt. Irgendwann liegt der arme Autor nur noch wimmernd und zuckend am Boden, während Astrid fröhlich noch eine Änderung vorschlägt. Am Ende hat er gerade noch die Kraft, sich zu bedanken. Es ist brutal.

 

Einmal habe ich mitbekommen, wie sie bei einem dieser Romane drei ganze Kapitel rausschmiss. „Du kannst das doch nicht machen“, sagte ich. „Drei ganze Kapitel! Das schmeißt das ganze Buch um! Der arme Autor!“

 

„Ach was“, sagte sie ungerührt. „Alles, was drin passierte, konnte man in einem Satz zusammenfassen. In einem Kapitel geht es darum, die Antipathie zwischen zwei Figuren darzustellen. Die treffen sich und das ganze Kapitel lang sagen sie nichts zueinander. Gar nichts. Dies zeigt, dass sie einander nicht mögen. Ich habe das Kapitel mit zwei Sätzen ersetzt: ‚Den magst du nicht sonderlich, oder?‘ sagt einer. ‚Nee‘, sagt der andere, ‚den mag ich nicht sonderlich‘. Mehr war nicht notwendig.“

 

Es lief mir kalt über den Rücken.

 

Mit unserem gemeinsamen Buch ist es natürlich anders: Da hält sie sich noch weniger zurück.

 

Es ist eine Sache, eine Co-Autorin in ihrer Arbeit mit anderen Autoren anzuerkennen, ja, zu fürchten; es ist eine ganz andere Sache, sie in ihrer Arbeit mit einem selbst zu akzeptieren. Jeden Tag wartete ich auf ihre Änderungen, las sie so schnell wie möglich durch, damit ich möglichst bald in ihr Zimmer stürmen und sie deswegen beschimpfen könnte. Obwohl Astrid Beschimpfungen von fremden Autoren stoisch erträgt, schafft sie es eigenartigerweise nicht, sich die gleiche Attitüde gegenüber ihrem schlecht gelaunten Co-Autor zuzulegen, mit dem sie leider auch die Wohnung teilt. Warum sie in dem Fall ihre innere Distanz nicht wahren kann, verstehe ich auch nicht.

 

Während wir uns so miteinander stritten, flog die Zeit dahin. Am Ende wollten wir das Manuskript eigentlich drei Wochen beiseitelegen, um etwas Abstand zu gewinnen, um dann ein letztes Mal feinabstimmungsmäßig rüber zu gehen. Doch dann merkten wir, dass wir bis zur Abgabe keine drei Wochen mehr hatten.

 

Die Zeit reichte gerade noch dazu aus, in 10-Stunden-Schichten, 7 Tage die Woche das Ding einigermaßen fertig zu bringen. Astrid arbeitete in eine Art Trance und gab das Manuskript nur ungern an mich ab. Das traf sich gut, weil ich irgendwann so erschöpft war, dass ich es nicht mehr sehen konnte.

 

„Ich habe endlich den kompletten Überblick, den ich mir all die Monate so verzweifelt gewünscht habe“, gab sie bekannt.

 

„Toll“, sagte ich, aus fiebrigem Schlummer hochschreckend. „Ich weiß nicht mal mehr, wovon die Geschichte handelt.“

 

Als wir das Manuskript endlich am Abend vor dem Abgabetermin in einer Spätpost mit diversen teuren Express-Zuschlägen wegschickten, war das Buch noch lange nicht abgegeben. Zwei Wochen später kam das Manuskript mit Anmerkungen vom Verlagslektor zurück. Wieder war Astrid nicht anzusprechen. Sie ging sorgfältig über jede Änderung; sie korrigierte Stellen, die schon abgenommen waren, sie korrigierte sogar einige Korrekturen. Dann schickte sie es erneut weg. Fertig waren wir immer noch nicht.

 

Ein paar Wochen später kam es wieder. Diesmal waren es die Fahnen, als PDF: das Buch war gesetzt, es waren viel mehr Seiten, als wir geahnt hatten, und jetzt ging es darum, einen letzten Blick darüber zu werfen. Wieder zückte sie den Rotstift (wenn sie wenigsten eine andere Farbe benutzen würde, wäre alles halb so schlimm) und war nicht anzusprechen.

 

Erst, als wir die Fahnen endgültig wegschickten, waren wir fertig. Es war spätabends. Ich fuhr zu Spätpost. Astrid ging unter die Dusche. Ich wartete in einem Café am Potsdamer Platz. Endlich tauchte sie auf. Sie hatte noch Ringe unter den Augen, aber es waren jetzt irgendwie frische, saubergeduschte Ringe.

 

Wir bestellten zwei Whiskeys. Wir hoben die Gläser. Wir baten uns gegenseitig um Verzeihung für all die gemeinen Dinge, die wir uns im letzten Jahr angetan hatten. Dann tranken wir auf „Nibelungenfieber.“

 

Ach ja, es gibt doch noch etwas, was am Bücherschreiben schön ist: Die Versöhnung danach.

 

 

 

Dies ist die letzte Kolumne in der Serie „Tagebuch eines Romans“, über die Entstehung von „Nibelungenfieber“, dem ersten Roman von den Sachbuchautoren Astrid Ule und Eric T. Hansen. „Nibelungenfieber“ ist Mai 2009 im Scherz Verlag erschienen. Mehr Info: www.ethansen.de

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Eric T. Hansen/Astrid Ule: Nibelungenfieber, Scherz, 464 Seiten, 14,95 Euro

 

 

Eric T. Hansen, geboren 1960, verbrachte seine Kindheit auf Hawaii. Er studierte Mediävistik in München und arbeitet seit 1989 als Korrespondent für US-amerikanische und deutsche Zeitungen. 2004 erschien „Nibelungenreise“, es folgten „Planet Germany“ und „Deutschland-Quiz“.

 

 

 

 

 

Hier geht es zu den anderen Folgen:

>Erste Folge: Das geht (in Deutschland) nicht.

>Zweite Folge: Die Angst des Autors vor dem zwanglosen Verlagsgespräch.

>Dritte Folge: Von dem Versuch, eine völlig ernst zu nehmende und sachlich richtige Beschreibung eines abartigen Sexspielzeugs zu formulieren; oder: Wie viele Gags pro Seite sind erlaubt?

>Vierte Folge: Rambo würde unser Buch lesen

>Fünfte Folge: Der Unterschied zwischen einem Urlaubsflirt und der Ehe ist ein Jahr in der Hölle.

>Sechste Folge: Mein Buch, Dein Buch.

>Siebte Folge: Englisch ist Germanisch, Deutsch ist Latein

>Achte Folge: Das Herz der Bananenschale

>Neunte Folge: Zu weit ist nicht weit genug

 

 

 


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