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Heft 2/2010
GESICHTER & GESCHICHTEN
»Krankheit ist immer auch eine Konstruktion«
Siri Hustvedt über Genie und Wahnsinn, die falschen Versprechen der Hirnforschung – und das ungelöste Rätsel ihrer Zitteranfälle.
Von Karoline Laarmann (Interview)
Wenn ein Star wie die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt, 54, für nur zwei Lesetermine nach Deutschland kommt, dann darf der Rahmen schon mal opulenter sein: Der Große Saal des Düsseldorfer Schauspielhauses ist am Abend des 29. Januar bis auf den letzten Platz ausverkauft. Nicht nur Fotografen sind da, auch Kamerateams. Hustvedt selbst nimmt den Rummel gelassen: Unprätentiös liest und spricht sie über ihr neues Buch „Die zitternde Frau“. Darin geht es auch um öffentliche Auftritte wie diesen: Seit 2003 leidet Hustvedt an Zitteranfällen, die sie bekommt, wenn sie vor Publikum spricht. In ihrem Buch macht sie sich auf die Suche nach den Gründen für ihre unerklärlichen Symptome und taucht tief in die Geschichte der psycho-physischen Krankheitsbilder ein.
Frau Hustvedt, wann haben Sie das letzte Mal gezittert?
Das war noch vor dem Buch. Seitdem nehme ich Medikamente, Betablocker, die die Symptome unterdrücken. Der Wirkstoff heißt Propranolol und wird zur vorbeugenden Behandlung bei Migräne, Angststörungen oder – wie in meinem Fall – bei Zittern ohne bekannte Ursache eingesetzt. Solange das funktioniert, werde ich es weiter nehmen.
Aber dann wissen Sie ja gar nicht, ob das Zittern noch da ist?
Da ist etwas Wahres dran, aber auch wenn es mich interessiert, werde ich nicht die Probe aufs Exempel machen. Einen Zitteranfall zu haben ist nicht wirklich schön. Es ist schrecklich, ein Erlebnis, das man nicht unbedingt wiederholen möchte. Aber ich werde von Ärzten betreut. Es ist nicht so, dass ich ganz allein auf mich gestellt wäre.
Sie haben aber sehr lange gewartet, bis Sie einen Arzt aufgesucht haben. Wieso?
Weil ich dachte, das wäre etwas Einmaliges. Anomalien sind nicht ungewöhnlich bei Krampfanfällen. Ich habe mich selbst jahrelang mit diesem Themenkomplex aus Neurowissenschaften und psychiatrischer Diagnose beschäftigt und wusste: Um als Epileptiker diagnostiziert zu werden, muss ich mindestens zwei Krampfanfälle gehabt haben. Ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass es noch einmal passieren könnte. Allerdings habe ich mich direkt nach meinem ersten Zitteranfall sofort mit befreundeten Neurologen in Verbindung gesetzt, um ihnen von dem Vorfall zu berichten, aber mehr nach dem Motto „Ihr werdet nicht glauben, was mir passiert ist. Ist das nicht ulkig?“ Wir redeten darüber wie über ein von mir losgelöstes medizinisches Fallbeispiel. Und alle Neurologen, die ich dazu befragte, standen vor einem absoluten Rätsel.
Hatten Sie keine Angst, dass es eine neurologische Ursache haben könnte?
Nicht wirklich. Als das Zittern sich doch wiederholte, war meine Angst eher, dass ich von nun bei jedem öffentlichen Auftritt von heftigen Krämpfen geschüttelt werden würde. Erst da wurde es unheimlich.
Also ist das Rätsel um die mysteriösen Zitteranfälle immer noch nicht gelöst?
Nicht im Sinne einer feststehenden Diagnose. Leider hat noch keiner der vielen Spezialisten, denen ich das Buch geschickt habe, eine ultimative Lösung für mich gefunden. Aber zumindest finden sie das Buch toll.
Was finden die Ärzte denn so toll?
Zunächst einmal sind sie beeindruckt, wie viel ich über all diese medizinischen Fachgebiete weiß. Ich glaube, was sie am meisten schätzen ist, dass ich mich erstens zu meinem eigenen Fallbeispiel mache und zweitens, dass ich über Dinge rede, die meistens unter den Tisch fallen. Ich hinterfrage, wie Diagnose überhaupt funktioniert. Jede Diagnose ist immer eine Art abstrakter Loslösung der Krankheit vom Patienten. Aber sie ist auch Teil einer individuellen Lebensgeschichte. Wir haben heute viele Ärzte, die in ihren Fachgebieten gefangen sind. Sie sind hochspezialisierte Experten, sehen aber nicht, was rechts und links von ihnen geschieht. Das philosophische Monument, auf dem die Medizin gebaut ist, wird oft vernachlässigt. Das gilt für die Wissenschaft im Allgemeinen. Die Wissenschaft tendiert dazu, die primären Fragestellungen auszuklammern, und sich nicht in einem geschichtlichen Kontext zu sehen.
Sie zeichnen in Ihrem Buch die Geschichte der Hysterie als Krankheitsbild nach. Denken Sie, dass die männliche Perspektive eines Jean-Martin Charcot oder Pierre Janet auf die weibliche Hysteriepatientin des 19. Jahrhunderts einen Einfluss auf die Diagnosestellung hatte?
Ich glaube, das gilt bis heute. Krankheit ist immer auch eine Konstruktion. Das ändert natürlich nichts daran, dass diese Frauen wirklich krank waren. In meinem Buch versuche ich über beides zu sprechen: die Wahrnehmung und die Diagnose, die historische Konstruktion von Krankheit und die realen Vorgänge im Körper. Der Körper ist existent. Einige aktuelle Theorien blenden die Biologie komplett aus – so, als hätten wir gar keine Körper und würden gar nicht wirklich krank werden. Aber das werden wir. Die biologische Realität gibt es, und sie wird wiederum beeinflusst von der Wahrnehmung. Diese Wechselwirkung ist extrem kompliziert. Dazwischen liegt eine Art Erklärungslücke, die schon Freud kannte, und mit der die Wissenschaft bis heute kämpft. Freud hatte sicherlich nicht in allem recht, aber bestimmte Ideen, die er und seine Zeitgenossen zur Hysterie entwickelt haben, zeugen von einer größeren Komplexität und Intelligenz als viele der gegenwärtigen Schriften zu Anpassungsstörungen.
Woher kommt es, dass Freud mittlerweile so einen schlechten Ruf hat?
Zumindest in den USA sind die Gründe dafür eindeutig. Bis in die frühen 1970er Jahre spielte die Psychoanalyse in der amerikanischen Psychiatrie noch eine dominante Rolle. Dann kam die Pharmakologie mit ihren Antipsychotika und Antidepressiva. Im nächsten Schritt hat man verstärkt versucht, die stationären Patienten aus den Nervenkliniken in die ambulante Betreuung zu überführen. Das hat aber zumindest in unserem Land nicht wirklich funktioniert. In New York gibt es Hunderte von Verrückten, die durch die Straßen wandern. Man weiß auch, dass bei 30 Prozent der Schwerdepressiven die Medikamente überhaupt keine Wirkung zeigen.
Heute verspricht die Hirnforschung, irgendwann alle Geheimnisse der Seele erklären zu können.
Viele Wissenschaftler und auch ein paar Philosophen glauben das. Ich nicht. Körper, Geist und Umwelt sind fließende Begriffe, die aufeinander einwirken. Gehirne wachsen und entwickeln sich unterschiedlich. Sie sind genauso einzigartig wie Gesichter. Wissenschaft funktioniert aber über Normalisierungsprozesse, über Idealisierung. Das ideale Gehirn, das uns alle Fragen beantworten könnte, gibt es aber nicht.
Sie haben sich ein wenig darüber mokiert, dass Journalisten den Witz Ihres Buches nicht erkannt hätten.
Um fair zu bleiben: Der erste Gedanke, der einem durch den Kopf schießt, wenn man dieses Buch in die Hand gedrückt bekommt, um den Autor zu interviewen, ist sicher nicht, wie lustig es ist. Was ich allerdings festgestellt habe ist, dass das einzige, was die Journalisten daran interessiert, die wenigen Passagen sind, in denen es ganz explizit um meine Person geht. Das ganze intellektuelle Material darum herum klammern sie gerne aus.
„Die zitternde Frau“ ist weder ein Roman noch eine Autobiographie. Glauben Sie nicht, dass Ihre Leser …
… geschockt sein werden? Ich bin mir nicht sicher, ob es meine Aufgabe ist, das zu schreiben, was die Leser erwarten. Das Schreiben ist Teil einer aufrichtigen Leidenschaft, einer Liebe, die ich in mir trage, und einer Neugier zu fragen, wer wir sind. Ich glaube, diese Frage stelle ich mir nicht allein. Und auch wenn „Die zitternde Frau“ keine Geschichte im gebräuchlichen Sinn erzählt, so finden sich viele der Gedanken und Ideen darin wieder, die von Anfang an meine Arbeit bestimmt haben. Sie werden nur anders präsentiert – insbesondere mit einer Menge Fußnoten. Eines meiner großen Vorbilder ist Montagne: Er schöpft auch immer wieder aus demselben geistigen Material und verwendet sich selbst als Prüfstein seiner Überlegungen.
Worin unterschied sich dann der Schreibprozess im Vergleich zu Romanen?
Man benutzt bei einem Roman keine Argumentationskette. Man hat vielleicht schon die Absicht, ein paar Theorien zu vermitteln, aber man unterwirft sie der Geschichte. „Die zitternde Frau“ war mehr wie ein langer persönlicher Essay. Ich fing noch während meiner Zitteranfälle an, daran zu arbeiten. Ich wusste also nicht, wo und wie es enden würde. Das heißt, jeden Tag, wenn ich mich an meinen Schreibtisch setzte, hatte ich das bereits Geschriebene vor Augen. So habe ich gemerkt, wenn ich mich im Kreis bewegte oder fügte an manchen Stellen etwas hinzu, so dass der Text an Komplexität gewann. Das Besondere am Schreiben dieses Buches war aber, dass ich mit all dem fachlichen Wissen, das ich mir über Jahre angeeignet hatte, nun endlich spielen konnte. Es war so, als hätte ich endlich gelernt, zu tanzen.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie selbst an einer übersteigerten Sinneswahrnehmung leiden. Macht Sie nicht gerade das zu einer guten Schriftstellerin?
Im Alltag empfinde ich diese Eigenschaft oft als Schwäche, aber im Kontext meiner Kunst ist sie sicherlich eine Stärke. Es gehört zur Ökonomie einer menschlichen Persönlichkeit, dass Dinge, die ein Leben schwierig machen, es auch reich machen können. Deshalb finde ich es auch so wichtig, offen und ehrlich über Krankheit zu sprechen, ohne dabei ein Opfer-Szenario zu inszenieren. Krankheit sollte nichts sein, für das man sich schämen muss. Besonders geistige Krankheiten tragen in unserer Gesellschaft aber ein Stigma.
Wenn man eine Verbindung zwischen Krankheit und Charakter knüpfen möchte: Gehört zu einem guten Schriftsteller dann nicht immer auch ein bisschen Wahnsinn?
Ich habe viele Psychiatriepatienten in Schreibkursen betreut, und sie schreiben sehr viel kreativer als „normale“ Menschen. Sie haben tatsächlich eine lebhaftere verbale Realität. Das macht sie aber noch lange nicht zu großartigen Schriftstellern, weil sie ihre Gedanken nicht sortieren können. Ihre Texte sind Ausbrüche einer erstaunlichen Sprache. Aber es fehlt die nötige Kontrolle, um von Kunst zu sprechen. Ein Schriftsteller, den ich sehr bewundere, ist Dostojewski. Es gibt eine Menge Untersuchungen zu seiner Epilepsie und welche Rolle sie in seiner Kunst gespielt hat. Was man mit Sicherheit sagen kann, ist, dass Dostojewski nicht Dostojewski gewesen wäre ohne seine Epilepsie. Das heißt aber nicht, dass eine Epilepsie jemanden zu Dostojewski macht.
Siri Hustvedt: Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven. Rowohlt, 240 Seiten, 18,95 Euro, übersetzt von Uli Aumüller
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