BÜCHER 4/2010

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Heft 2/2010

ZEIT & GEIST

 

 

Biedermann und Machtmensch

 

 

 

Am 3. April wird Helmut Kohl 80 Jahre alt. Seine Biografen zeugen dem Altkanzler Respekt – und staunen über ein Rätsel.

 

 

 

Von Marcus Römer (Text)

 

 

 

 


„Er hatte wenig Flausen im Kopf und keine Utopie einer neuen Gesellschaft. Die Macht war sein Ziel.“ Bereits im Vorwort kommen die früheren Politikchefs des „Spiegel“, Hans-Joachim Noack und Wolfram Bickerich, zu einer Einschätzung, die ziemlich flapsig klingt. Schließlich war Helmut Kohl 16 Jahre lang, von 1982 bis 1998, Kanzler der Bundesrepublik Deutschland – länger als sein Vorbild Konrad Adenauer. Und schließlich hält ihn die Mehrheit der Deutschen für den, neben Adenauer und Willy Brandt, bedeutendsten Kanzler. Und doch: Manchmal ist die Wahrheit schlicht.

 

Pünktlich zum 80. Geburtstag des Ludwigshafener „Biedermanns“, wie er von missliebigen Feuilletonisten schon vor Beginn seiner Kanzlerschaft 1982 genannt wurde, befassen sich zwei Autorenduos mit der Frage, was Helmut Kohl, den „Kanzler der Einheit“ im Innersten antrieb. Keine einfache Frage. Heribert Schwan und Rolf Steininger, nicht minder profilierte Beobachter des langjährigen CDU-Vorsitzenden, kommen am Ende ihrer Biografie zu dem Schluss: „Helmut Kohl bleibt ein Rätsel.“

 

Kohl, der Machtmensch – eine simple Formel, die Sinn ergibt. Freunde hatte er so gut wie keine; er spielte mit Wegbegleitern wie Strauß, Geißler und später Schäuble oder Merkel so, wie ein Marionettenspieler an den Fäden seiner Figuren zieht – allerdings ohne zu merken, wann diese Figuren nicht mehr zappeln wollen und ein Eigenleben entwickeln. Zusammen mit der Spendenaffäre nach dem Ende seiner Kanzlerschaft erwies sich sein Machtinstinkt, gepaart mit dieser eindimensionalen Menschenkenntnis, als fatal. Schwan und Steininger legen sogar nahe, seine Frau Hannelore, eine wirkliche Vertraute, habe sich 2001 nicht allein wegen ihrer peinigenden Lichtallergie das Leben genommen. Die Autoren deuten an, sie habe den Verfall des Ruhms ihres Gatten nicht länger ertragen können. Ein Selbstmord aus Scham?

 

Noack und Bickerich bleiben in ihrer politischeren Betrachtung ihrem gelernten „Spiegel“-Stil treu – und erlauben sich doch manchmal beinahe sentimental anmutende Betrachtungen, die man von Autoren dieses „Schmähblatts“ nicht unbedingt erwarten darf. Er habe erfolgreich „Staatskunst auf dem Biedermeiersofa“ betrieben. „Kohl zu misstrauen, fiel seinen Gesprächspartnern schwer.“

 

Beide Biografien sind trotz ihrer enormen Detailfülle jede auf ihre Art ebenso enorm lesbar. Fast vergessene Randgeschichten machen hier die jüngste Geschichte anfassbar, etwa wenn Schwan und Steininger daran erinnern, wie ausgerechnet der „Spiegel“, den Kohl verachtete wie kein anderes Presseorgan, den Exkanzler mit einer Vorabmeldung warnte, die Staatsanwaltschaft beabsichtige, im Zuge der Spendenaffäre auch seine Privatgemächer zu durchsuchen. Die Beamten verzichteten natürlich auf diese Schmähung.

 

Den Mantel der Geschichte, da sind sich beide Duos einig, hat er nicht selbst geschneidert. Aber er hat ihn angezogen, als er im Sonderangebot war – und er passte ihm ausgezeichnet. Die Schwächen des Pfälzers werden in beiden Biografien nicht unter den Tisch gekehrt; dennoch atmen beide einen großen Respekt vor der Lebensleistung Helmut Kohls. Selbst für sein oft verspottetes Ehrenwort, die Namen der Spender nicht zu nennen, wird ein Teil-Verständnis aufgebracht. Eine menschliche Note, die dem Menschen Kohl gerecht wird. Und darum soll es in guten Biografien ja gehen.

 

Hans-Joachim Noack / Wolfram Bickerich: Kohl – Die Biographie, Rowohlt Berlin, 301 Seiten, 19,95 Euro

 

Heribert Schwan / Rolf Steininger: Helmut Kohl – Virtuose der Macht, Artemis & Winkler, 220 Seiten, 19,90 Euro

 

 

 

 

 

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