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Heft 4/2010
Das Debüt
Wo der Wind sie hinweht
Maud Lethielleux ist eine Nomadin. Ihr erster Roman erzählt von einer neunjährigen Aussteigerin. Und macht einfach gute Laune.
Von Karoline Laarmann (Text)

| © Privat |
Maud Lethielleux fuhr im Auto von Nantes nach Essaouira in Marokko, als ein kleines Mädchen anfing, ihr Dinge ins Ohr zu flüstern. Es waren kleine Anekdoten, teilweise so unglaublich, dass sie kaum wahr sein konnten. Aber Lethielleux wusste, dass sie wahr waren, denn es waren Erinnerungen aus ihrer eigenen Kindheit: Erinnerungen an die heimatlichen Wälder der Baugois – eine verschlafene Landschaft zwischen Paris und dem Atlantik –, an den Geruch der Ziegen, an laue Nächte, in denen man draußen unter den Sternen schläft – und Erinnerungen an die eigenen Eltern: jung, unreif, zerbrechlich, auf der Suche nach Idealen, aber auch voll Liebe und Zuneigung. Es war die Stimme von Ninon, die zu Maud Lethielleux sprach. Nur dass sie noch nicht wusste, dass so die ihres ersten Romans heißen würde.
Maud Lethielleux ist eine Nomadin. Auch wenn die 37-jährige Französin heute in Nantes lebt, ist sie ihr Leben lang unterwegs gewesen: Israel, Australien, Neuseeland, Indien ... Nach Frankreich kehrte sie lange Zeit nur zurück, um Geld für die nächste Reise zu verdienen. „Dann verschwand ich wieder, ohne zu wissen, wo der Wind mich hinführen würde“, sagt sie.
Mit 18 packt sie das Fernweh zum ersten Mal. Sie schmeißt das Abi und trampt mit ihrem Freund ohne einen Cent in der Tasche Richtung Afrika. Als beide nach ein paar Monaten wiederkommen, ist Maud schwanger. Als ihre Tochter gerade sechs Monate alt ist, wird sie auf die nächsten Reisen mitgenommen. In den Slums von Rajasthan lernt Maud Lethielleux traditionelle Lieder auf der Sarangi, in den Dörfern Transsilvaniens tritt sie mit fahrenden Zigeunern auf. Sie spielt dabei Kontrabass.
Heute, sagt Lethielleux, sei sie dank des Schreibens endlich angekommen. „Jeder neue von mir geschaffene Charakter ist für mich eine reale Begegnung und eine neue Facette, die ich an mir selbst entdecke.“ Ihre Arbeit als Regisseurin und Musikerin in der Elektro-Folk-Band Digitanes stellt sie dafür momentan hinten an – anders kann auch so ein unruhiger Geist wie sie die vielen Lesungen in den literarischen Cafés, Schulen und Bibliotheken nicht bewältigen, die sie für ihr Debüt „Sag ja, Ninon“ absolviert.
In ihrem ersten Roman schlüpft Maud Lethielleux in die Rolle einer neunjährigen Aussteigerin. Ninon ist eine Astrid-Lindgren-Figur, wild und frech, schlau und gutherzig. Als die Beziehung der sehr jungen Eltern zerbricht, entscheidet Ninon: „Mein Papa braucht mich, ich werde ihn nie verlassen.“ Und da Ninons Vater Fred in der freien Natur auf einer Baustelle lebt, die einmal eine ökologische Farm werden soll, teilt sie von nun an sein Leben: Es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser, noch nicht einmal ein richtiges Dach über dem Kopf – dafür Lagerfeuer-Stimmung und grenzenlose Freiheit. Doch als Ninon nicht mehr zur Schule geht und langsam verwahrlost, holt die Realität sie beide ein.
Eigentlich interessiere sie sich nicht für Romane aus der Perspektive von Kindern, sagt die Autorin. Der Tonfall gefalle ihr nicht. In ihrem Erstlingswerk findet sie eine ganz eigene Sprache: „Fred und ich sind keine Radikalen, wir sind keine Ökos. Ökos sind Leute, die so große Angst vor chemischen Produkten haben, dass sie alles kaufen, was keine Chemie enthält, auch ganz viele überflüssige Dinge. Zu Ökos braucht man nur zu sagen: Das ist ein echtes Naturprodukt, schon kaufen sie es. Wir hingegen bewegen uns innerhalb unseres finanziellen Rahmens, bleiben aber unserem Ideal der Freiheit treu, das kann man nicht vergleichen.“
Ninons Welt steckt voller naivem Witz und frühreifem Charme, doch leise Untertöne, die der jungen Heldin, nicht aber dem Leser verborgen bleiben, erzählen auch von den kleinen Verletzungen. In diesen Momenten weiß man nicht, ob man mit Ninon lachen oder mit den Erwachsenen weinen soll – im Zweifelsfall sollte man sich fürs kindliche Lachen entscheiden. Denn was man von Ninon lernen kann, ist grenzenloser Optimismus.
So sei auch der französische Originaltitel „Dis oui, Ninon“ zu verstehen, verrät Maud Lethielleux: „Wenn jemand unentschlossen ist, sagen wir in Frankreich ‚Ni oui, ni non‘ – weder ja, noch nein. Darin spiegelt sich auch Ninons Zwiespalt wider, sich zwischen Vater und Mutter entscheiden zu müssen. ‚Sag ja‘ ist aber auch ein wunderbares Mantra – wenn es mir schlecht geht, sage ich ‚Ja‘, und allein das Aussprechen dieses kleinen Wortes tut mir wahnsinnig gut.“
Maud Lethielleux: Sag ja, Ninon, Goldmann, 224 Seiten, 17,95 &eur; übersetzt von Ina Kronenberger
Auch Sie schildern ausführlich die sadistischen Exzesse ihrer Gangster. Sind Sie nicht auch von der Gewalt fasziniert?
In den meisten Ländern versuchen die Gangster, Gewalt wenn es geht zu vermeiden. Sie wissen, wenn sie einen Mord begehen, werden sie schärfer verfolgt und härter bestraft. In Südafrika nicht. Niemand interessiert sich für die Verbrechen in den Flats. Deshalb können die Gangster ihre Terrorherrschaft inszenieren, indem sie ihre Opfer absichtlich quälen, vergewaltigen und zu Tode foltern.
Dieses Wissen macht mich irre. Ich schreibe darüber, weil ich sonst durchdrehen würde. Manchmal glaube ich, es ist die einzige Möglichkeit es in Südafrika auszuhalten.
Trotzdem gibt es in Ihren Romanen keine Moral. Ihre Helden sind Söldner oder sogar Kids, die morden, um in eine Gang aufgenommen zu werden.
Propere Mittelschichtstypen oder pittoreske Arbeiterklasse-Helden interessieren mich nicht besonders. Ich schreibe lieber über Menschen, die am Rand der Gesellschaft entlang balancieren. Fast alle meine Charaktere haben Schuld auf sich geladen. Das macht sie interessanter. Und realistischer. Sie sind tatsächlich amoralisch, in ihnen spiegelt sich eine amoralische und korrupte Gesellschaft. Allerdings behaupte ich, dass meine Bücher gerade deshalb sehr moralisch sind. Ich will nicht über Gut und Böse urteilen. Aber es gibt eine gewisse Gerechtigkeit. Nicht die des Gesetzes, aber die der Straße. Die Bösen erwischt es ziemlich übel, und die nicht ganz so Bösen kriegen auch was ab. Keiner kommt ungeschoren davon.
„Kap der Finsternis“ wird demnächst mit Samuel L. Jackson in der Hauptrolle verfilmt. Sind Sie an der Produktion beteiligt?
Nein, am Film bin ich nicht beteiligt. Als Drehbuchautor habe ich schon die Romane anderer Autoren bearbeitet und meine Erfahrung ist, dass man als Autor am besten im Hintergrund bleibt. Aber ich habe vollstes Vertrauen in Kelly Masterson, der das Drehbuch schreibt, und Philip Noyce, der Regie führen wird. Ende 2010 beginnen in Kapstadt die Dreharbeiten. Ich bin wirklich neugierig wie mein Buch auf der Leinwand rüberkommen wird und freue mich darauf es mit einer Tüte Popcorn in der Hand zu sehen.
Werden Sie sich das ein oder andere Spiel ansehen?
Ich kann zwar von meiner Wohnung aus das Stadion sehen, aber ich bin kein großer Fußballfan. Kann gut sein, dass ich mich für eine Weile aus der Stadt verziehe und mir vielleicht ein paar Spiele im Fernsehen ansehe.
Glauben Sie, die WM kann Südafrika wieder so zusammenschweißen wie der Rugby-Worldcup in den Neunzigern?
Die WM wird dem Land sicher einen gewaltigen Schub geben, und ich bin auch überzeugt, dass sie ein Erfolg wird. Aber das Südafrika von 2010 ist ein ganz anderes Land als das von 1995. Der Erfolg von 1995 verdankt sich einzig der einigenden Macht eines Mannes: Nelson Mandela. Und weil unser Team gewonnen hat. Als die Apartheid abgeschafft wurde, mutierte Südafrika vom boykottierten Paria zur von allen gehätschelten Nation. Heute jedoch ist der Traum von der Rainbow Nation ausgeträumt.
Was macht Sie so sicher, dass Südafrika die WM bewältigen wird?
Ich bin kein Experte, aber es sieht so aus, als habe man die notwendige Infrastruktur geschaffen, um die Zuschauer- und Touristenmassen zu bewältigen.
Aber werden die Besucher sich sicher fühlen können?
Wie gesagt, Südafrika ist ein Hort der Kriminalität. Trotzdem kommen jedes Jahr zehntausende Touristen. Das Leben in den gesicherten Mittelklasseenklaven ist einigermaßen sicher, von Diebstahl und Car-Jacking mal abgesehen. Aber es ist doch so, dass die meisten Verbrechensopfer in den Ghettos oder in den ländlichen Elendsgebieten leben, weit ab von den gut bewachten Luxushotels, Safari-Ressorts und Strandcafés der Besucher.
Glauben Sie, dass Jacob Zuma, der neue Präsident, die nötigen Reformen einleiten kann, oder wird er das Land noch weiter entzweien?
Unglücklicherweise ist Zuma besser bekannt dafür uneheliche Kinder in die Welt zu setzen und seinen Harem zu erweitern, als die Probleme des Landes in Angriff zu nehmen. Ihm hängt immer noch der Vorwurf der Korruption an. Und viele betrachten ihn als die zentrale Figur einer Machtelite, die sich auf Kosten der Armen bereichert. Die Kluft zwischen Arm und Reich war nie größer. Was den Armen versprochen wurde, wurde nie eingelöst.
Wenn man Sie so reden hört, könnte man fast glauben, Sie würden lieber in einem anderen Land leben.
Ja, das schießt einem tatsächlich durch den Kopf. Ich bin hier geblieben, als viele meiner Freunde in den 80ern das Land verlassen haben, um der Apartheid zu entkommen. Ich bin auch geblieben, als viele in den 90ern gegangen sind, um der wachsenden Kriminalität zu entkommen. Aber langsam, glaube ich, ist es für mich und meine Lebensgefährtin Zeit, mal woanders unsere Zelte aufzuschlagen. Wir werden sehen …
Roger Smith: Blutiges Erwachen, Tropen, 355 Seiten, 19,90 Euro, übersetzt von Jürgen Bürger und Peter Torberg
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