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Heft 4/2010
Gesichter & Geschichten
„Ich bin keine Kämpferin“
Marie NDiaye verließ Paris, weil Nicolas Sarkozy Präsident wurde. Als erste Schwarze gewann sie Frankreichs wichtigsten Literaturpreis – für einen Roman, der „Drei starke Frauen“ heißt. Sie selbst will eigentlich nur eines: in Ruhe schreiben. Eine Begegnung in Berlin.
Von Maxi Leinkauf (Text) und Henning Maier-Jantzen (Foto)
Marie NDiaye steigt elegant vom Fahrrad, die Haare trägt sie neuerdings kurz. Als Treffpunkt hat sie das Café Lentz vorgeschlagen, das sie mag, weil es so altmodisch sei. Sie wohnt mit ihrer Familie in der Nähe, im ruhigen Berlin- Charlottenburg. Ihre Apfelschorle bestellt sie auf Deutsch, mit dünner, hoher Stimme und französischem Akzent. NDiayes Vater stammt aus dem Senegal, sie lebte in Frankreich, bis Nicolas Sarkozy im Mai 2007 Präsident wurde. 2009 gewann sie den Prix Goncourt, Frankreichs wichtigsten Literaturpreis.
Madame NDiaye, „wenn Sarkozy gewinnt, dann gehe ich“, behaupteten 2007 viele Intellektuelle.
Ja, das erzählten vor der Wahl viele Franzosen.
Sie haben Wort gehalten, anders als die Pariser Salonlöwen. Sie sind nach Berlin gezogen.
Ins Exil. Ich habe das Land verlassen, weil ich mich dort nicht mehr wohlgefühlt habe. Aber ich bin nachsichtig mit den Leuten, die in Frankreich geblieben sind. Es ist nicht leicht zu gehen, wenn man Freunde, ein Haus, eine Arbeit hat. Und einen Ort hat, den man mag.
Sie fühlen sich im Exil?
Ja, auch wenn es ein freiwilliges ist. Ich bin nicht aus Not hierher gekommen, es ist ein Luxus, in Berlin zu leben. Trotzdem wohne ich nun in einem Land, dessen Sprache ich nicht spreche, das seine eigenen kulturellen Codes hat. Immerhin belege ich jetzt Kurse an der Volkshochschule. Im Exil zu leben ist anstrengend, es erfordert Stärke. Dieser Gedanke zieht sich auch durch meinen Roman.
Sie haben Sarkozys Polemik über Nationalstolz, Werte und nationale Identität als „monströs“ bezeichnet und provozierten so einen Skandal. War das Absicht?
Spielen Sie auf Eric Raoult an? Das ist eine dumme Geschichte. Dieser Politiker stammt aus der harten rechten Ecke, die sich nahe der Front National bewegt. Nachdem ich im Herbst 2009 den Goncourt-Preis erhalten habe, hat er in einem Interview meine Aussagen über die Politik der Regierung verdammt. Er schrieb einen Brief an den Kulturminister, Frederic Mitterand, einen ehemaligen Linken. Der hat aber nie reagiert.
Sie sollten sich lieber „im Berliner Schlamm wälzen“, schlug ein anderer Politiker vor. Fühlten Sie sich bedroht?
Ich sollte wohl am liebsten eingesperrt werden. Aber all diese Aussagen sind symptomatisch für das aggressive Klima, das in Frankreich gerade herrscht. Manchmal debattiere ich ein bisschen mit meinem Bruder darüber. Er lebt als Historiker in Paris.
Er ist dort geblieben.
Ja, aber war vorher lange in den USA. Er hat ein Buch über die Geschichte der Schwarzen in Frankreich geschrieben. Bislang hat sich kaum jemand mit deren Geschichte auseinandergesetzt. Er spürt täglich, wie hart es für einen schwarzen Mann in Paris sein kann. Er wurde oft angehalten, musste seinen Ausweis zeigen. Die Polizisten waren derb. Sie haben ihn beispielsweise einfach geduzt, sie sagten weder „Monsieur“ noch „bitte“. Einmal wurde er festgenommen, weil er keinen Pass dabei hatte. Es war schrecklich. Als Intellektueller kann er reflektieren. Nur was richtet so ein Verhalten bei einem Jungen an, der verloren ist? Der wird radikal. Frauen haben es leichter.
Wirklich? In Ihrem Roman „Drei starke Frauen“ müssen sie sich ständig bewähren und gegen die Männer behaupten. Zementieren Sie damit nicht ein Klischee?
Ich habe mich für diesen Titel entschieden, weil ich vermeiden wollte, dass man die Frauen in diesen drei Ge- schichten als unglückliche Opfer sieht. Fanta beispielsweise ist aus Afrika nach Frankreich gekommen und ist dort unglücklich. Sie findet keine Arbeit und entfernt sich immer mehr von ihrem Mann.
Der mit sich ringt und sie zurückgewinnen möchte. Er agiert, sie wirkt eher passiv.
Wunderbar, dass Sie das sagen! Ich mag diesen Mann: Er ist mutig. Er möchte ein guter Kerl sein. Ein Mann, der sich nicht aufregt, nicht lügt, der seinen Job erledigt, ein guter Ehemann und Vater ist, präsent und nicht gewaltsam. Aber die meisten Leser finden Männer schwach, die nicht erfolgreich und siegesgewiss dastehen, die innere Zweifel austragen und ihrer Frau wenig „bieten“ können. Die Frau hingegen ist mächtig, denn sie hat in ihm eine absolute Liebe entfacht. Er fühlt sich unnütz, weil sie ihn jetzt zurückweist.
Diese latenten Spannungen haben auch mit der Suche nach Identität, nach der eigenen Herkunft zu tun, oder?
Ihr Dasein im Niemandsland verbindet meine Figuren. Rudy, der eigentlich Franzose ist, fühlt sich in seiner Heimat fremd, er wäre lieber in Afrika geblieben. Seine Frau, eine Senegalesin, möchte in Frankreich ankommen. Norah, die sich zu ihrem afrikanischen Vater begibt, war dort nie zu Hause. Die junge Khady träumt von Europa, aber sie strandet.
Auch Ihr Vater ist Senegalese, er hat die Familie verlassen, als Sie ein Baby waren. Haben Sie ihn jemals gesucht?
Ich habe keine Beziehung zu meinem Vater. Als ich 20 war, bin ich in den Senegal gereist, um meine Verwandten zu treffen. Ich war neugierig, ob dieses Gefühl der Zugehörigkeit wirklich existiert. Aber ich fühlte mich fremd, ich hatte nie eine Beziehung zu meinen afrikanischen Verwandten. Im Grunde glaube ich nicht an biologische Wurzeln. Prägender ist, in welchem Umfeld man groß geworden ist und mit welchen Menschen.
Französische und afrikanische Männer gelten als Machos. Ein Mythos?
Ach, ja? Machos? Diese jungen französischen Väter heute, die sind überhaupt nicht brutal. Als ich jung war, galt es als normal, wenn ein Vater sein Kind mit einem Gürtel schlug. Das hieß „gute Erziehung“. Die Männer um die 30 heute, die tun doch alles, kümmern sich um die Babys – herrlich! Ich beobachte in Frankreich ein großes Gleichgewicht in den Beziehungen. Die Franzosen kriegen viele Kinder, und beide Partner gehen dann weiter arbeiten. Bei uns gibt es genügend Kinderkrippen. In Berlin machen die Leute meist gar keins oder nur ein Kind, die Frauen bleiben aber sofort zu Hause.
Sie haben beides geschafft, Muttersein und Erfüllung im Beruf. Sie haben als erste Schwarze den renommiertesten französischen Literaturpreis erhalten – ein Beispiel gelungener Integration. Fühlen Sie sich als Idol?
Das irritiert mich. Wie kann ich solch ein Symbol sein? Integriert sein bedeutet, dass man woanders herkommt und dann an dem Ort erfolgreich ist, an den man gegangen ist. Ich aber wurde in Frankreich geboren, bin dort groß geworden, habe eine französische Mutter. Es macht mich wütend, dass man immer versucht, die Menschen auf ihre Herkunft zu reduzieren, auf die Frage, ob sie einen schwarzafrikanischen oder arabischen Vater haben. Seit meiner Kindheit in Pithiviers fühlte ich mich nicht als Schwarze, sondern als Französin. Später zog ich mit meinem Mann und drei Kindern nach Cormeilles, in ein normannisches Dorf.
Und dort deckten Sie einen Missbrauchsfall auf. Wie sind Sie darauf gestoßen?
Ein betroffenes Mädchen hat mir da- von erzählt. Ich stellte fest, dass die Dorfbewohner jahrelang die Augen verschlossen hatten. Irgendwann bin ich zu der Schule gefahren und sagte dem Lehrer: „Ich bringe Sie jetzt zur Polizei.“ Er war pädophil, er hat eine hohe Strafe bekommen. Das Dorf hieß dann nur noch das „Kinderschänderdorf“. Wir haben es verlassen, wir wollten weit weg von dieser Geschichte sein.
Guadeloupe, Rom, Barcelona, Paris, Berlin. Sie scheinen der Prototyp der Globalisierung zu sein: flexibel und schnell anpassungsfähig.
Das klingt bizarr. Unter Globalisierung versteht man eher die großen Metropolen: Berlin, London, New York. Aber ich habe 15 Jahre lang mit meiner Familie auf dem Land gelebt. Da gab es weder ein Kino noch ein Theater, nur die Gespräche mit den Dorfbewohnern. Irgendwann kamen meine drei Kinder in ein Alter, indem ihnen das Dorf zu klein, zu langweilig wurde.
Nun sitzen wir hier in Berlin, im ruhigen Charlottenburg. Fahren Sie manchmal nach Kreuzberg oder Neukölln?
Selten. Ich weiß, dass dort viele Türken leben und dass die hier Probleme mit der Integration haben und mit Sprache. Ich lese ja die Zeitungen. Aber ich habe keine Meinung dazu, keine originellen Gedanken ... Ich lebe hier etwas abgeschieden, meine Kinder gehen auf das französische Gymnasium. Ich bin keine Kämpferin. Eigentlich möchte ich nur in Ruhe schreiben.
Marie NDiaye: Drei starke Frauen, Suhrkamp, 343 Seiten, 22,90 Euro, übersetzt von Claudia Kalscheuer
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