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Heft 4/2010
Gesichter & Geschichten
Der Trost des Pessimisten
Zu Lebzeiten erfolglos, bis heute verkannt: Arthur Schopenhauer war ein berüchtigtes Genie. Dabei hatte der Philosoph nur einen Rat: Schade niemanden! Zum 150. Todestag schickt ein Roman ihn nun auf große Reise: nach Venedig.
Von Jan Drees (Text)
„Kein Glück ohne Freiheit, keine Freiheit ohne Glück.“ Mit dieser sehr hanseatischen Einstellung flieht der 30-jährige Arthur Schopenhauer im Spätsommer 1818 aus Dresden. Sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ soll in Kürze ausgeliefert werden, und weil der Philosoph keine Lust hat, bis zum Durchbruch von Mutter, Schwester und Verleger Brockhaus genervt zu werden, packt er seine Sachen.
Er will auf den Spuren des großen Goethe nach Italien reisen und in Venedig Lord Byron, den englischen Dichterstar der Stunde, treffen. Byron – Säufer, Spieler, Weiberheld – ahnt nichts von seinem zweifelhaften Glück. Schopenhauer ist ein Niemand, außer im eigenen Kopf. „Er würde sich jedenfalls nicht mit einer Tasse Tee und etwas Gebäck begnügen; wenn er Byron gegenüberträte, dann auf Augenhöhe oder gar nicht.“ Mit dieser ihm sehr eigenen Selbstwahrnehmung wird Arthur Schopenhauer wenig Freunde gewinnen. Das war im wirklichen Leben nicht anders als in dem klugen Debütroman „Die Welt ist im Kopf“, den Christoph Poschenrieder dem Philosophen (1788–1860) anlässlich seines 150. Todestag am 21. September gewidmet hat.
Schopenhauer war ein Unsympath. So machte er sich über die fehlenden Englischkenntnisse des Shakespeare-Übersetzers Ludwig Tieck lustig und gab den Frauenfeind: „Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige Geschlecht das Schöne nennen, konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt.“ Minderwertigkeitskomplexe waren die Kehrseite dieser Hybris: In Venedig wird er ein Mädchen kennen lernen, daheim eine Bedienstete schwängern, die das Kind aber verliert. Als er in Venedig Byron vorbeireiten sieht, stellt sich der große Denker nur deshalb nicht vor, weil er Angst hat, ihm könne die Geliebte ausgespannt werden.
„Schopenhauer hat gerade sein Lebenswerk vollendet, sein Buch steht kurz vor der Veröffentlichung“, so schildert der 1964 geborene Poschenrieder die Ausgangssituation. „Neuerdings kann ich das auch selbst nachvollziehen, was das heißt – alles ist möglich: Ruhm, Anerkennung, aber auch der Misserfolg, ein totaler Reinfall. Und Schopenhauer hat nur diese eine Chance. Mit seinem Hauptwerk ist er ein Frühvollendeter, ein anderes System kann er nicht schreiben.“
Bis zum letzten Lebensjahrzehnt wird Schopenhauer auf Anerkennung warten. „Die Welt als Wille und Vorstellung“ liegt wie Blei in den Sortimentsbuchhandlungen. Niemand interessiert sich für sein Konzept der Welt als Traum, die lediglich aus Vorstellungen besteht, einer Welt, die den Blick auf das, was eigentlich das Leben aller Tiere, Pflanzen und Menschen bewegt, verstellt. Was verstehen seine Zeitgenossen schon vom alles beseelenden, alles determinierenden Willen, dem, was Sigmund Freud viel später das „Es“ taufen wird.
Ohne das Erbe seines verstorbenen Vaters müsste der Denker wie einst Diogenes in der Tonne hausen. Dabei hat Schopenhauer „mit seiner Willensmetaphysik erstens unseren Begriff von Wirklichkeit erheblich erweitert; er hat zweitens den Boden für ein neues Menschenbild und ein neues Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Umwelt bereitet; er hat drittens die Möglichkeit einer erfahrungs- und wissenschaftsorientierten Metaphysik vorgeführt und damit die Grundlage für eine Rehabilitierung der Metaphysik im 20. Jahrhundert gelegt; und er hat viertens, lange vor der Wiederauferstehung der Philosophie der Lebenskunst, eine pragmatische Klugheitslehre in der Tradition der Moralistik vorgelegt“ – so beschreibt sein Biograf Robert Zimmer Schopenhauers Bedeutung für die Philosophie.
„Die Welt ist im Kopf“ beschreibt diese Verdienste auf ironisch gebrochene Weise. Während einer Verfolgungsjagd versucht Schopenhauer,„das Geschehene in einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu bringen, vor allem, um daraus auf das Kommende zu schließen“. An anderer Stelle debattieren während des Karnevals Schopenhauer und Byron, beide in Masken, sich gegenseitig nicht erkennend, über Wahrheiten und Worte. Andere Aspekte von Schopenhauers Philosophie werden schon mal in einem Flirt versteckt.
Daraus ist ein überaus eleganter, zwischen ergebenem Porträt, Burleske, Spionagesatire und Gelehrtendenkmal wechselnder Roman entstanden. „Die Welt ist ein Kopf“ ist mehr als ein Reisebericht oder der pflichtschuldige Beitrag zum 150. Todestag. Dieses Buch ist ein emphatisches, aus langjähriger Leidenschaft gereiftes Debüt eines tatsächlichen Fans. „Ich habe Schopenhauer studiert, vorwärts, rückwärts, jede Zeile gelesen – und natürlich vieles vergessen“, erzählt Christoph Poschenrieder im Gespräch mit BÜCHER. „Ich halte ihn, auf seine resignative Weise, für einen der großen Tröster, höchst passend für eine Welt von Konsum- und Geldgier, undogmatisch und mit eigentlich nur einem Rat an den Menschen: Schade niemandem! Außerdem ist er einer der großen Stilisten der deutschen Sprache. Ihn lesen macht auch Spaß.“
Gleiches gilt für Poschenrieders Buch: Es schadet niemandem und macht jede Menge Freude. Vielleicht der galanteste Einstieg ins Werk des großen Pessimisten Arthur Schopenhauer.
Christoph Poschenrieder: Die Welt ist im Kopf, Diogenes, 342 Seiten, 21,90 Euro
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