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Heft 4/2010
Zeit & Geist
Sinn statt Sicherheit
Ein Journalist veröffentlicht im elektronischen Selbstverlag, ein Philosoph wird Motorradmechaniker: Markus Albers und Matthew Crawford wählten sehr unterschiedliche Wege aus der alten Arbeitswelt. Aber sie stellen die gleiche Frage: Wie wollen wir leben?
Von Jens Poggenpohl (Text)

| © Martin May |
Ein gutes Näschen kann man Markus Albers nicht absprechen: Als die Macher von „Vanity Fair“ noch davon träumten, das amerikanische Modell ließe sich mit ein paar hundert Millionen Euro nach Deutsch- land exportieren, kündigte er seinen Job als leitender Redakteur. Als ihn ein Kollege per SMS vom Ende des Magazins berichtete, schrieb er schon an einem Buch: „Meconomy: Wie wir in Zukunft leben und arbeiten werden – und warum wir uns jetzt neu erfinden müssen“. Und während die Branche über Zukunftsperspektiven diskutierte, veröffentlichte Albers sein Buch – passend zum Titel zunächst nur elektronisch: als PDF für den E-Reader von Sony.
Ende April – inzwischen war das Buch auch über Print-on-Demand erhältlich – sah Albers` Bilanz des Experiments so aus: etwas über 1 000 verkaufte Exemplare, der Großteil als PDF und Applikation für das iPhone. Nicht viel, mag man denken, aber er rechnet anders: Weil er sich traditionelle Vertriebswege sparte, sei er schon ab dem 200. Exemplar in der Gewinnzone.
„Meconomy“ wendet sich, wie schon Albers` Bestseller „Morgen komm ich später rein“, an alle Menschen, für die der US-Soziologe Richard Florida vor gut zehn Jahren den Begriff „Kreative Klasse“ erfand: Architekten, Designer, Werber, Programmierer ... Diese und andere kreativen Köpfe, so Floridas These, werden bald entscheidend dafür sein, ob eine Region oder ein Land innovativ ist – und damit erfolgreich. Zwei Zahlen belegen, dass dies kein reines Hirngespinst ist: Die 2010 meistgefragten Jobs waren 2004, gera- de sechs Jahre zuvor, noch gar nicht erfunden; und bereits 2008 trug die Kreativwirtschaft in Deutschland 63 Milliarden Euro zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung bei – ähnlich viel wie die Automobilindustrie oder der Maschinenbau.
Albers geht noch einen Schritt weiter. Zur Kreativwirtschaft gehören für ihn „alle Bürojobs, für die man eigentlich nur ein Telefon und einen Computer braucht“. Was die Wissensarbeiter aber vor allem bräuchten, um auf neue Ideen zu kommen, sei: Freiheit. Und Sinn.
Das zeigen nicht nur Studien: Google schickt seine Entwickler einmal in der Woche nach Hause, damit sie dort irgendwas tun – nur keinen Routinejob; die Deutsche Telekom experimentiert mit ähnlich flexiblen Modellen; und in der Schweiz fand am 18. Mai der „1. Nationale Home Office Day“ statt. Wenn Albers die gute Fee erschiene und ihm die Chance gäbe, in Deutsch- land etwas zu verändern, ginge er in die gleiche Richtung: „Hört auf, die Zeit als Maßeinheit für Leistung zu nehmen. Der Satz ‚Wer am längsten da ist, arbeitet am meisten’ stimmt einfach nicht.“
Allerdings weiß auch er, dass die Wissensarbeiter gerade ganz andere Themen umtreiben: Kurzarbeit, Leiharbeit, Arbeitslosigkeit ... „Es gibt eine tiefe Verunsicherung, und die Lebensplanung wird immer schwieriger“, sagt er im Gespräch mit BÜCHER. „Viele Menschen wissen nicht, ob es in fünf Jahren ihr Berufsbild überhaupt noch gibt. Nur nützt es nichts, sich darüber zu beklagen. Man muss sich darauf einstellen.“
Und das heißt, ob man mag oder nicht: flexibel sein, sich selbst als Marke begreifen und zur Not die Tugend der Selbstständigkeit entdecken. Der Hauptwert von „Meconomy“ liegt aber weniger in den praktischen Tipps dazu, sondern in der Haltung dahinter. In vielen Büros riecht es nach Angstschweiß. Markus Albers lüftet durch. Er öffnet die Fenster zur neuen Welt da draußen. „Meconomy“ ist ein Mutmachbuch: fundiert, verständlich, optimistisch.

| © Ariel Skeiley |
Vieles klingt hier nach „Ich-AG“. Albers hat nichts gegen das Konzept, „die Zeit war wohl nicht reif“. Und nun ist der Begriff ruiniert. Bei „Ich-AG“ denkt man an Arbeitsamt, Mindestlohn und Demütigungen. „Meconomy“ klingt nach Laptop, Altbau und Parkettboden.
Ein Arbeitstag von Albers sieht zum Beispiel so aus: Er übernimmt bei seiner neun Monate alten Tochter die Frühschicht, um sechs oder sieben Uhr morgens steht er auf. Später kümmert sich seine Frau um die Kleine, während er am großen Esszimmertisch „Büroarbeit“ erledigt: E-Mails, Telefonate, Recherchen. Dann schreibt er Texte – aber nicht mehr als drei Stunden. „Ich kann im Sprinttempo besser arbeiten.“ Das gleiche noch mal am Nachmittag. Und dazwischen: joggen gehen. Filme anschauen. Freunde treffen. Mit dem Kind spielen.
Gewiss, so lebt einer der „happy few“, ein gut gebuchter Journalist, der es sich leisten kann, sein Englisch so lange zu trainieren, bis es für das globale Elitemagazin „Monocle“ reicht. Das weiß er, und außerdem weiß er, dass es auch in der virtuellen Zukunft noch Berufe gibt, für die es Präsenz braucht: Chirurg zum Beispiel. Oder Polizist.
Oder Handwerker. Sie zum Beispiel verfügen im besten Fall über ein anderes, aber genauso wertvolles Wissen: „Wenn man das Abwasserohr nicht genau so belüftet, werden die Gase durch das Wasser in die Toilette steigen, und das Haus wird nach Scheiße stinken.“ Das sagt nicht Markus Albers – so zitiert Matthew Crawford einen fiktiven Handwerksmeister im Gespräch mit seinem Lehrling. „Ich schraube, also bin ich“ heißt das Werk des US- amerikanischen Philosophen – ein hochinteressantes Komplementärbuch zu „Meconomy“.
Denn auch Crawford ist einer der Wissensarbeiter, von denen Albers erzählt. Nach seiner Promotion arbeitete er in einem „Think Tank“. Heute lehrt er zwar an der University of Virginia, am liebsten aber ist er in seiner eigenen Motorradwerkstatt „Shockoe Moto“ in Richmond. Für Crawford ist die „Kreative Klasse“ eine „Hippie- Theorie“, nach der gelte: „Kreativität ist das, was zutage tritt, wenn der Mensch von den Zwängen der Konvention befreit wird.“
In der Denkfabrik, für die Crawford arbeitete, hieß das: Er schrieb Zusammenfassungen wissenschaftlicher Aufsätze, die er kaum gelesen und nicht verstanden hatte – weil das Management einen absurd hohen „Output“ verlangte. Dies aber sei nichts anders als die Fortsetzung des Taylorismus mit anderen Mitteln: Arbeiten am Fließband – nur mit dem feinen Unterschied, dass Manager der „Kreativen Klasse“ die ihre Angestellten in die vermeintliche Freiheit entlassen, im Fall des Scheiterns behaupten können, dies läge eben an der Unfähigkeit des Mitarbeiters.
Wahre Kreativität ist für ihn „ein Nebenprodukt jener Art von meisterlichem Können (...), das durch langjährige Übung erworben wird“ – etwa die Fähigkeit, uralte Motorräder zu reparieren, für die es weder eine Bedienungsanleitung noch einen Ansprechpartner gibt.
Crawford wettert gegen die Unkultur der Verantwortungslosigkeit. Dagegen plädiert er für die „Einheit von Denken und Tun“ und schwärmt „vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen“. So ist sein Buch eine autobiografische Fortsetzung von Richard Sennetts „Handwerk“ (BÜCHER 2/2008), das Crawford merkwürdigerweise nicht zitiert.
Trotz aller Differenzen: Es wäre schwer, zwischen dem Schrauber Crawford und dem Schreiber Albers ein Streitgespräch zu inszenieren. Zwar haben beide ganz unterschiedliche Wege aus der alten Arbeitswelt genommen. Aber beide stellen die Frage, die sich viel zu wenige trauen: Wie will ich eigentlich leben?
Markus Albers: Meconomy: Wie wir in Zukunft leben und arbeiten werden – und warum wir uns jetzt neu erfinden müssen, epubli, 212 Seiten, 16,90 Euro
Mehr unter: www.meconomy.de
Matthew Crawford: Ich schraube, also bin ich, Ullstein, 302 Seiten, 16,95 Euro, übersetzt von Stephan Gebauer
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