Präzises Bild einer Weltverdrossenheit
Thomas-Roman Eders neuer Roman „Was das alles soll“, erschienen in der Bibliothek der Provinz, wirkt wie ein langsames Aufdrehen eines Lichtschalters: behutsam, blendfrei, aber mit zunehmender Deutlichkeit. Vielleicht liegt dieses Vorgehen in Eders zweitem Beruf begründet. Als Rahmenmacher im 19. Wiener Bezirk weiß er, dass eine Komposition erst im richtigen Umfeld zu sprechen beginnt. Holzart, Kante, Glas – nichts davon ist Beiwerk, alles Teil der Erzählung eines Bildes. Diese Genauigkeit überträgt Eder auf seine Prosa: Jede Figur, jede Geste, jede gedankliche Schleife ist bewusst gesetzt.
Der freiwillige Gefangene von Wien
Im Zentrum steht ein Erzähler, der seit 25 Jahren das tut, wovon viele Menschen in dunklen Momenten phantasieren, ohne es je umzusetzen: Er zieht sich zurück. Radikal. Seine Altbauwohnung wird zum Schutzraum, aber auch zum selbstgebauten Exil. Die Verbindung zur Außenwelt besteht aus zwei dünnen Drähten der Moderne – Internet und Zeitung –, die ihm erlauben, die Welt zu beobachten, ohne sie ertragen zu müssen. Während andere Romane den Rückzug als Eskapismus abtun oder pathologisieren, nähert sich Eder ihm mit einer überraschenden Sachlichkeit. Sein Erzähler ist ein Mensch, der versucht, Ordnung in ein Universum zu bringen, das sich entzieht.
Wenn die Welt plötzlich anklopft
Doch dann wird der Erzähler aus seinem Gleichgewicht gestoßen - durch seinen Nachbarn. Ketter, der Optimist, tritt in sein Leben wie ein Störgeräusch, das sich weigert, ignoriert zu werden. Er taucht ungefragt auf, bringt Wärme in Räume, die über Jahrzehnte abgekühlt wurden, und unterläuft die Apokalypse-Theorie des Erzählers mit einer Mischung aus Naivität und Menschenfreundlichkeit. Eder beobachtet dieses Aufeinandertreffen mit leiser Ironie.
Nichts an dieser Beziehung ist groß oder spektakulär, und doch entsteht eine Spannung, die den Lesenden unmittelbar berührt: Was passiert, wenn ein Mensch, der alles kontrollieren will, auf jemanden trifft, der einfach lebt? Die Einladungen Ketters zum Gegenbesuch werden zum Prüfstein. Die ständigen Absagen des Erzählers wirken wie Mantren eines Menschen, der weiß, dass jede Öffnung gefährlich ist: Wenn man einmal hinausgeht, ist der Rückzug kein vollständiger mehr.
Mehr Infos: Buch: Thomas-Roman Eder: Was das alles soll




