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Themenwelt

IM DUNKLEN SPIEGEL DER ZUKUNFT

Dystopische Romane als Hörbücher

Von der Dampfmaschine, dem Luftschiff und der Gaslaterne hatten die Menschen gelernt, an den Fortschritt zu glauben. Dann begannen sie, darüber nachzudenken, dass die Welt sich auf entsetzliche Weise falsch entwickeln könnte. Autoren und Autorinnen zeichneten beunruhigende Visionen.

"Dystopie" heißt ungefähr "schlechter Ort" (dys- ist die altgriechische Vorsilbe für "miss-", "un-" oder "übel-", topos das altgriechische Wort für "Ort"). John Stuart Mill prägte den Begriff in Anlehnung an Thomas Morus' Begriff "Utopia", das aber keinesfalls "guter Ort", sondern einfach "Nicht-Ort" bedeutet und ein ideales Nirgendwo meint. Erste dystopische Elemente finden sich schon in Mary Shelleys "Frankenstein".

Seitdem bietet die Dystopie eine Möglichkeit, Kritik an der Gegenwart zu üben. Autoren  und Autorinnen beobachten gesellschaftliche, politische und technische Entwicklungen und spinnen sie weiter. Der Autor eines der einflussreichsten dystopischen Romane, Aldous Huxley, betrachtete in "Schöne neue Welt" die sozialen Probleme der späten 1920-er Jahre - Überbevölkerung, Antiintellektualismus und eine zunehmende Hierarchisierung der Gesellschaft - im Licht neuer Technologien. Massenmedien, Drogen und die gezielte Manipulation des menschlichen Körpers machen das ultrastabile Gesellschaftssystem seiner "schönen neuen Welt" erst möglich.

Huxleys Zeitgenosse George Orwell sah sein Werk "1984" als "die literarische Zusammenfassung von allem, was ich bis zu diesem Zeitpunkt über internationale Politik gelernt hatte." Orwell schildert ein Großbritannien, dessen Regierung mittels künstlich erzeugten Hungers, Gewalt, Propaganda und lückenloser Überwachung die totale Kontrolle über jeden einzelnen Bürger erlangt hat.

Der Autor und Netzaktivist Cory Doctorow wendet die Lehren aus Orwells Roman auf die Einschränkung der Bürgerrechte in den USA nach den Anschlägen des 11. September an. Obwohl die meisten der Überwachungsinstrumente, die er in seiner Dystopie "Little Brother" beschreibt, bereits existieren und angewendet werden, ist "Little Brother" weit weniger pessimistisch als "1984". Doctorow führt nicht nur die Gefahren der Überwachungstechnologie vor, sondern zeigt konkrete und alltagstaugliche Lösungen auf, einige davon illegal. Zugleich demonstriert er, dass die bürgerlichen Freiheiten gerade in Krisenzeiten entschieden verteidigt werden müssen.

Dystopien stellen die Frage "Was wäre, wenn …?". Sie helfen uns, Gefahren zu erkennen und Lösungen auszuprobieren. "Was passiert, wenn die globale Erwärmung fortschreitet?" fragt Saci Lloyd in "Euer schönes Leben kotzt mich an!" In Cormac McCarthys "Die Straße" ziehen ein Vater und ein Sohn durch ein postapokalyptisches Amerika, in dem die wenigen Überlebenden einer nicht näher definierten Katastrophe grausam gegeneinander und ums Überleben kämpfen. Jede Dystopie ist ein Spiegel der Gegenwart.