Die achensee.literatour feiert ihr 15-jähriges Bestehen
Zum 15. Mal verwandelte das Tiroler Festival Anfang Mai die Landschaft rund um den Achensee in eine Bühne für Literatur – mit Lesungen auf dem Schiff, in traditionsreichen Hotels, auf einer Berghütte oder entlang eines Wanderwegs. Diese Verbindung aus Naturraum, persönlicher Begegnung und literarischer Vielfalt macht den besonderen Charakter der Veranstaltung aus.
Vom 7. bis 10. Mai kamen erneut renommierte deutschsprachige Autorinnen und Autoren an den Achensee. Viele Veranstaltungen waren ausverkauft, das Interesse des Publikums entsprechend groß. Moderiert wurde das Festival von der österreichischen Schriftstellerin Theodora Bauer, die selbst einst Stipendiatin der achensee.literatour war und dem Programm mit kluger Gesprächsführung sowie spürbarer Nähe zur Gegenwartsliteratur eine verbindende Klammer gab. Das BÜCHERmagazin war auch in diesem Jahr wieder ein enger Kooperationspartner.
Geschichten zwischen Grandhotel, Kriminalfall und Heimkehr
Den Auftakt machte Vea Kaiser mit ihrem aktuellen Roman „Fabula Rasa oder die Königin des Grandhotels“. Mit viel Tempo und Sprachwitz entwarf sie das Porträt einer trickreichen Hotelbuchhalterin und eröffnete damit ein Festival, das thematisch bemerkenswert breit aufgestellt war. Neben humorvollen und gesellschaftsnahen Stoffen standen auch düstere Töne und politische Unterströmungen im Mittelpunkt.
Bernhard Aichner, Schirmherr des Festivals und einer der bekanntesten österreichischen Krimiautoren, lud zum atmosphärischen Thriller-Dinner und bewies einmal mehr, wie stark sich Spannungsliteratur inzwischen als literarisches Festivalformat etabliert hat. Julia Pustet stellte ihren Debütroman „Alles ganz schlimm“ vor, während Birgit Birnbacher in „Sie wollen uns erzählen“ gesellschaftliche Bruchstellen und familiäre Dynamiken auslotete. Robert Prosser wiederum präsentierte mit „Das geplünderte Nest“ einen Roman über Erinnerung, Verlust und die Nachwirkungen globaler Konflikte – unter anderem anhand eines Heimkehrers aus Beirut.
Die Wahl der Veranstaltungsorte verlieh den Lesungen zusätzliche Intensität. Ob im Hotel Entners am See, im Seehotel Einwaller, im Posthotel Achenkirch, im Alten Widum oder auf der Erfurter Hütte: Literatur wurde konnte hier erlebt werden. Die Nähe zwischen Autorinnen, Autoren und Publikum gehörte erneut zu den großen Stärken des Festivals.
Verena Altenberger bringt „Das Geisterhaus“ auf den Achensee
Ein besonderer Höhepunkt der Jubiläumsausgabe war der erstmalige Auftritt von Schauspielerin Verena Altenberger. An Bord eines Schiffes las sie aus Isabel Allendes Jahrhundertroman „Das Geisterhaus“ und schuf damit einen jener seltenen Festivalmomente, in denen Ort, Text und Atmosphäre eine nahezu filmische Einheit eingehen. Die Verbindung von Wasser, Bewegung und Literatur verlieh der Lesung eine besondere Eindringlichkeit und zeigte zugleich, wie offen die achensee.literatour für neue Formate geblieben ist.
Das Stipendium als literarische Entdeckung
Traditionell wurde im Rahmen der Festivaleröffnung auch das vom Haymon Verlag finanzierte achensee.literatour Aufenthaltsstipendium vergeben. Die diesjährige Preisträgerin Mieze Medusa – Autorin, Rapperin und eine der prägenden Stimmen der österreichischen Poetry-Slam-Szene – überzeugte das Publikum mit ihrem Roman „Hätte ich es vorher gewusst, hätte ich es genauso gemacht“. Ihre Auftritte machten deutlich, wie selbstverständlich sich mittlerweile unterschiedliche literarische Ausdrucksformen zwischen Roman, Spoken Word und Performance begegnen.
Dass die achensee.literatour gerade jungen oder formal experimentierfreudigen Stimmen Raum gibt, gehört seit Jahren zu ihrem Profil. Das Stipendium wirkt dabei als Förderung und als programmatische Aussage: Literatur soll zugänglich, gegenwärtig und lebendig bleiben.
Literatur als Begegnung
Für Martin Tschoner, Geschäftsführer von Achensee Tourismus, liegt die besondere Qualität des Festivals vor allem in seiner persönlichen Atmosphäre. Tatsächlich unterscheidet sich die achensee.literatour von vielen großen Literaturveranstaltungen gerade durch ihre Nähe. Statt Distanz zwischen Bühne und Publikum entstehen Gespräche, spontane Begegnungen und intensive Diskussionen – eingebettet in die alpine Landschaft rund um den See.
Den Abschluss bildete traditionell die Krimiwanderung am Dien-Mut-Weg. Bei frühsommerlichem Wetter führte die Kufsteiner Autorin Maria Höfle zahlreiche Literatur- und Wanderbegeisterte durch die Natur und präsentierte ihren Kurzkrimi „Charlotte heißt Freiheit“. Ein Finale, das exemplarisch für das Festival steht: Literatur bleibt hier in Bewegung.
Die nächste achensee.literatour findet vom 6. bis 9. Mai 2027 statt – und dürfte ihren Ruf als eines der atmosphärisch eigenständigsten Literaturfestivals im deutschsprachigen Raum weiter festigen. Mehr Infos: https://www.achensee.com/de/kunst-kultur-tradition/achensee-literatour/




