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„Maß halten kann ich nicht“
Hier kommt der Mann, von dem die 17-jährige Helene Hegemann für ihr Debüt „Axolotl Roadkill“ abgeschrieben hat: Der Berliner Blogger Airen hat mit „Strobo“ das Buch der Stunde geschrieben. Alle wollen nun wissen, was im Originaltext steht. Für BÜCHER äußerte sich Airen ein letztes Mal zum Hype – und wonach er sich am meisten sehnt.
Von Jan Drees (Text)
| "Strobo" – eine Quelle für Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“. |
"Ich habe mindestens zwei Kilo Gras geraucht, dutzende Bongs zerbrochen, unzählige Joints gebaut, stundenlang gekotzt, nächtelang geschwiegen." So beschrieb ein BWL-Student namens „Airen“ seine exzessiven Berliner Partynächte in einem Blog. Daraus entstand ein Buch, „Strobo“, das bis vor wenigen Wochen nicht einmal ein Geheimtipp war. Jetzt ist es das vielleicht bekannteste unbekannteste Buch. Denn nachdem jeder weiß, dass Helene Hegemann für ihr anfangs einhelllig bejubeltes Debüt „Axolotl Roadkill“ aus „Strobo“ abgeschrieben hat, wollen alle mit dem anonymen Autor sprechen. Aber der will nicht mehr. Das E-Mail-Interview, das BÜCHER mit ihm führte, könnte für lange Zeit das letzte sein.
Abschreiben – das ist ironischerweise auch ein großes Thema in „Strobo“. Airen ist ein Fan von Punk-Autor-Rainald Goetz („Rave“, „Mix Cuts & Scratches“), und so liegt der Schlüssel zur Poetik von „Strobo“ in einem Zitat von Rainald Goetz: „notwendig ist das einfache Abschreiben der Welt“. Darauf angesprochen, antwortet Airen: „Auch wenn ich das Zitat nicht kenne, könnte man das auch als Maxime für mein Schreiben bezeichnen – eben so genau wie möglich die Originalerfahrung in Worte zu fassen. Das ist natürlich unmöglich, ein ständiger Kampf um die größtmögliche Annäherung. Goetz ist der Einzige, der es schafft dass du dich so fühlst, als wärst du im Club, während du eigentlich nur ein Buch liest.“ Und genau das ist Airen geglückt.
Wie ein Wahnsinniger feiert er Berlin ab, besucht In-Clubs wie das „Berghain“, die „Maria“, die „Panoramabar“, das „100 Quadratmeter“, das „Cassiopeia“ – und obwohl eine Menge Euphorie in den Partyszenen steckt, ist „Strobo“ souverän erzählt. Sprache und Inhalt passen zueinander, dieses Buch ist in sich absolut stimmig. So schreibt Airen nach einem Besuch bei einer Prostituierten: „Mein Beiname wäre nicht ,Maßlos‘, wenn ich jetzt nicht in das nächste Pornokino gehen würde. Wenn, dann richtig. Wieder klingeln, 5 Euro Eintritt, auf einer Bank sitzt ein halbes Dutzend runtergekommener chinesischer Schabracken, ich grüße ,Ni hao!“ und gehe durch in den Hinterraum.“
Wenn Airen in „Strobo“ über Alkohol schreibt („Saufen ist Bohème deluxe“), dann gilt der Satz: „Es soll ja nicht schmecken, es soll wirken“, gleichzeitig für sein Verständnis von Literatur. Airen sagt im Interview: „Ich denke bei Literatur kann man da keinen großen Unterschied machen. Was wirkt, schmeckt.“ Und weil es wirkt, ist es nur teilweise verständlich, warum nun alle versuchen, die wahre Identität von Airen preiszugeben – im aktuellen „Spiegel“ gibt es ein Bild, was den Autor sehr verärgert haben soll. Verständlich. Der kamerascheue PeterLicht konnte vor drei Jahren auch nicht verstehen, warum ein Feuilleton ihn bei seiner Lesung im Rahmen des Bachmann-Preises unbedingt fotografieren musste, obwohl es doch zu seinem Konzept gehört, nicht mit einem Porträt in den Medien aufzutauchen.

| Blogger Deef entdeckte die "Strobo"-Passagen bei Helene Hegemann. |
Auf die Frage, welcher Aspekt der gegenwärtigen Diskussion um seine Person ihn am meisten beschäftigt, irritiert, verwundert, stört, antwortet Airen: „Da ich (noch) anonym bin, gebe ich als Person nicht viel Angriffsfläche. Man kennt ja nur die Passagen meines Lebens, die ich niedergeschrieben habe. Insgesamt hat sich die Presse bislang sehr fair mir gegenüber verhalten. Lustig finde ich aber die Vermutungen, ich sei Deef Pirmasens oder der Vater von Helene Hegemann.“
Bloggerkollege Deef, der den Plagiatsfall überhaupt erst aufgedeckt hat, wird Airen bei den anstehenden multimedialen Lesungen in verschiedenen Szene-Clubs (zum Beispiel im Berliner „WMF“, im Hamburger „Uebel & Gefährlich“, während der Leipziger Buchmesse dann in der grandiosen „Moritzbastei“) vertreten. Was möchte Airen bis dahin über sich preisgeben? „Erstmal nicht mehr als notwendig. Ich bin sprichwörtlich von einem Tag auf den anderen der Öffentlichkeit bekannt geworden. Ich muss mir das alles noch überlegen.“
Für „Strobo“ selbst sind alle biografischen Angaben nebensächlich. Denn hier geht es endlich mal wieder nur um Literatur, und das heißt in diesem Fall: um Wahrheit. „In einem Chill-Raum, die Sonne scheint schon heiß durch die bunten Fenster, setze ich mich aufs Sofa. Neben mir sitzt eine schweigsame deutsche Transe und hat eine Art Brautkleid an, daneben sitzt Tom und hat Aids.“ So exakt wie Airen hat seit Rainald Goetz kein deutscher Autor über Technoparties, Absturzwochenenden, Studenteneuphorie und Drogensucht geschrieben. Klar, Airens Beobachtungen sind kaltschnäuzig, hart, verdrogt, wahnsinnig – aber jeder, der auch nur eine Nacht im Berliner Berghain-Club verbracht hat, weiß, dass sein Roman nichts anderes ist als das einfache, wahre Abschreiben der (Szene-)Welt. Gibt es denn Annahmen, sein Beiname sei weiterhin „Maßlos“? „Ich nehme mich zunehmend zurück. Aber Maß halten kann ich nicht. Deswegen verzichte ich lieber im Vorhinein auf Situationen, die sonst garantiert wieder in Exzessen enden würden.“
Während sich Airen in Verzicht übt und anonym bleiben will, hält die Debatte um Helene Hegemann an. Denn der neue deutsche Literaturstar, gerade erst für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert (siehe das Voting auf dieser Seite), hat sich nicht nur von Airen „inspirieren“ lassen, sondern auch von einem Songtext, wohl auch von einem Drehbuch und wahrscheinlich von vielem anderen mehr. Wohlmeinend könnte man sagen, dass Helene Hegemann das getan hat, was Popliteraten immer schon getan haben: sammeln und archivieren, mal mit, mal ohne Zitatmarkierung oder absichtlich falsch zugeordnet.
Gleichzeitig bleibt die Geschichte ein Plagiatsfall. Helene Hegemann hat sich eben nicht an das „wahre Abschreiben der Welt“ gehalten. Was an „Axolotl Roadkill“ abseits aller juristischen oder moralischen Fragen nervt, ist die pseudointellektuelle Zweitverwertung, das Namedropping. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben zum Beispiel („Homo Sacer“) wird an einer Stelle von „Axolotl Roadkill“ thematisiert. Als Late-Night-Talker Harald Schmidt sie in seiner Sendung fragte, wie sie das Werk von Agamben einschätze, welche Beziehung sie zu ihm habe, reagierte Helene Hegemann hilflos. „Ich habe kein einziges seiner Werke gelesen. Ich kenne natürlich seinen Namen.“ Darauf Schmidt: „Du kannst also nicht sagen, was uns das Werk von Giorgio Agamben sagt?“ Und Helene Hegemann antwortet: „Du, bitte nicht hier.“ Umso peinlicher muten nun all die Lobhudeleien des Feuilletons an, insbesondere der peinlichen Vergottung in einem Text Maxim Billers für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“.

| Inzwischen hat sich Helene Hegemann bei Airen entschuldigt. |
Inzwischen hat sich Helene Hegemann bei Airen entschuldigt. Für die geklauten oder ohne Angabe des Ursprungs zitierten Stellen muss ihr Verlag Ullstein ein ordentliches Honorar an Airen abtreten. Zudem wird im Herbst „Strobo“ als Taschenbuch bei Ullstein erscheinen und damit womöglich das Geld einfahren, das er nach eigenen Angaben gegenüber einer großen deutschen Tageszeitung durchaus gut gebrauchen könne. Allerdings darf man Aussagen von Schriftstellern grundsätzlich nicht trauen. Ob Airen, wie es gerüchteweise heißt, in einem großen Unternehmen als Manager arbeitet, oder, wie er es selber angibt, momentan nichts zu tun hat, ist absolut irrelevant.
Sicher ist: Die Geschichte um „Strobo“ ist kein billiger Hype, der auf den tatsächlich billigen Hype um Helene Hegemanns Debüt draufgesetzt wird. „Strobo“ ist um Längen besser als „Axolotl Roadkill“ (auch wenn Airen, ganz bescheiden, in einem Interview gesagt hat, er schätze Helene Hegemanns Text durchaus). Der kleine Sukultur-Verlag versucht, dem Ansturm aufs Buch irgendwie Herr zu werden. Man übe sich also in Geduld.
Vielleicht kehrt währenddessen ein wenig Ruhe ein, nach dem Gezeter, den Gerüchten und dem Geschrei. Befragt, wonach sich Airen jetzt, in diesem Moment, am meisten sehnt, antwortet er: „Vielleicht Zeit zum Schreiben“. Man kann nur hoffen, dass er weitermacht, dass ihn der verspätete Erfolg seines Buchs motiviert. Autoren wie Airen sind etwas Besonderes.
Airen: Strobo, Sukultur-Verlag, 172 Seiten, 17 Euro
Inwzischen hat der Ullstein-Verlag reagiert. Nachdem die ersten Auflagen bereits Danksagungen enthielten, wird in der vierten Auflage, die demnächst erscheint, ein ausführliches Quellenverzeichnis abgedruckt. Eine Kopie des Verzeichnisses befindet sich zum Download in der folgenden PDF-Datei.
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