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Heft 3/2007
Mein Leben nach Gott
Nach zwölf Jahren Klosterleben bei den Benediktinerinnen stimmte der Lebensentwurf nicht mehr. Veronika Peters (40) packte den Koffer und flüchtete nach Berlin. Mit einem Mann. Jetzt hat sie die Geschichte ihrer Klosterjahre aufgeschrieben.
Text: Simone Kaempf
Fotos: Nadja Klier

| Vor acht Jahren verließ Veronika Peters (40) ihr Kloster, lebt nun mit ihrer Famile in Berlin. Ihr neues Leben ist ein Tabu für die Medien. Deshalb sitzt sie hier im Büro der bücher-Autorin Simone Kaempf. |
Die beste Freundin weinte am Straßenrand, als führte der Weg in den sicheren Tod. Angebote, ihre Sachen erst einmal einzulagern, hatte Veronika Peters abgelehnt: »Keine Rückversicherung, keine Altlasten.« Das letzte Päckchen Gitanes wirft sie noch während der Fahrt aus dem Autofenster. Wenige Wochen später wird sie den alten Käfer auf dem Klosterparkplatz an einen Studenten verkaufen. Weder Zigaretten noch Auto passen zu der Konzentration auf das Wesentliche, die in ihrem neuen Leben im Kloster angestrebt wird. Es ist ein schöner Spätsommertag, an dem Veronika Peters die neue Welt betritt. Im Klostergarten riecht es nach frisch gemähtem Gras. Baumzweige biegen sich unter der Last rotwangiger Äpfel. Pflücken ist verboten. Noch schwerer wiegt es, im Kreuzgang die Schweigepflicht zu brechen. »Wer es nicht ernst meint«, sagt Peters, »der kommt im Kloster nicht besonders weit.« Andere junge Novizinnen gehen bald wieder. Veronika Peters bleibt. Und niemand ahnt, auch sie selbst nicht, dass sie im Frühjahr 1999, nach zwölf Jahren, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion doch wieder ihre Sachen packen wird. Von dieser Zeit erzählt sie jetzt in ihrem Buch »Was in zwei Koffer passt«.
Veronika Peters, 40 Jahre alt, lebt heute in Berlin-Prenzlauer Berg. Als Treffpunkt schlägt sie eines der Cafés am Wasserturm vor. Im Anschluss kann sie ihre vier Jahre alte Tochter aus dem nahen Kindergarten abholen. Zur Begrüßung lächelt sie offen: ein schönes, waches Gesicht mit auffällig geschwungenen Lippen, eine lockige Haarsträhne fällt ihr in die Stirn. Dass sie gar nicht aussehe, als sei sie im Kloster gewesen, ob sie das nötig gehabt hätte und so weiter und so fort – so lauten Sätze, die sie immer hören muss und die sie anstrengen. Schließlich ist sie keine Vertriebene, die vor den Zumutungen der profanen Welt geflohen wäre. »Es nervt oft, dass die Leute lange brauchen, um mich hinter ihren undefinierten Vorstellungen wahrzunehmen und dann überrascht sind, weil ich ja ganz normal bin.« In den letzten Jahren hat sie viele solcher Gespräche geführt. Peters hat Routine. Jetzt mehren sich die Medienanfragen. Auch Abendtalkshows haben beim Verlag ihr Manuskript bestellt. Würde Peters eine Einladung annehmen? Sie zögert. Als sie sah, wie Murat Kurnaz in einem Fernsehinterview abgefertigt wurde, wusste sie nicht mehr, ob sie angesichts der ausgebreiteten Vorurteile freundlich bleiben könnte. Peters hat ein paar klare Regeln für Medien aufgestellt: Keine Details über das Klosterleben, keine über ihre Familie. Mehr als im Buch steht, will sie dazu nicht sagen. Denn das ist keine Schicksalsgeschichte, sondern der Bericht einer spirituellen Suche. Ihrer Suche.
Lange Zeit waren Nonnen die einzigen Frauen, die ihr Leben mehr oder weniger selbst gestalten konnten inmitten einer patriarchalischen Welt. Doch was bewegt Frauen heute zu der Entscheidung, ins Kloster zu gehen? Peters wuchs nicht als katholisches Mädchen auf, das den süßen Weihrauch früh inhaliert. Die Großmutter nimmt sie ab und zu mit in den evangelischen Gottesdienst, mehr nicht. Mit 15 zieht Veronika Peters von zu Hause aus. Eine Flucht vor dem alkoholkranken Vater, der die Familie tyrannisiert. Sie wird Erzieherin, geht auf Demos gegen Wackersdorf und die Startbahn West in Frankfurt. Zur selben Zeit besucht sie den Gottesdienst eines jungen Priesters, den sie bei einer Politikveranstaltung der Grünen kennengelernt hat. Im Alter von 19 Jahren konvertiert sie zum Katholizismus, trotz ihrer Zweifel an vielen Lehrmeinungen.
Zum Schlüsselerlebnis wird der erste Besuch in einem süddeutschen Benediktinerinnen-Kloster. Die Nonnen strahlen nicht die Selbstzufriedenheit vieler frommer Leute aus, sondern eine Klarheit und Entschiedenheit, die Peters sucht. Mit diesen Frauen zu leben erscheint ihr eine Chance, etwas herauszufinden, das man nirgendwo anders lernen kann. »Wahrscheinlich ist die Frage, warum man in ein Kloster eintritt, genauso schwer zu beantworten, wie die Frage, warum man sich in einen bestimmten Menschen verliebt«, sagt Peters, »und nicht in einen anderen, der klüger, hübscher, reicher oder sonstwie besser ist. Vielleicht ist es die Faszination des alternativen Lebens, der Wunsch, etwas zu entdecken, das man nicht einfach so wegwischen kann, die Suche nach etwas, das bleibt.« Ihr Buch »Was in zwei Koffer passt« macht den Leser zu einem Mitreisenden. Man folgt Peters am Rockzipfel ihres schwarzen Ordenskleids durch lange Gänge bis in die Kapelle, auf die Obstwiesen, die zum Kloster gehören, oder in die Wäscherei. Wie alle Nonnen arbeitet Peters vormittags im Küchendienst, als Gärtnerin oder in der Obsternte. Die Nachmittage sind für die Lese- und Studierzeit reserviert. Die alte Ordensregel »Regula Benedicti«, nach der gelebt wird, beschreibt das Kloster als eine Schule, in der man lernen soll und nicht können muss.

| Veronika Peters suchte ihren Platz im Leben, Klarheit, etwas, das bleibt. Also wurde sie mit 20 Jahren Nonne. |
Ein Weg, den man gehen muss, und der Weg ist steinig. Die Nonnen entscheiden in der zweistufigen Ausbildung, ob eine Novizin ihr ewiges Gelübde ablegen darf. Beide Abstimmungen besteht Peters äußerst knapp. Vielen gilt sie als unnahbar und aufmüpfig. Sie bemüht sich, will sich aber auch nicht verbiegen lassen. »Manchmal schaue ich mir selbst beim Nettsein zu und könnte kotzen«, schreibt sie einmal. Klingt so eine fromme Nonne? Die junge Frau sucht ihren Platz, doch ein Misstrauen gegenüber sich selbst und die feste Form, in die auch ein Klosterleben einzulaufen droht, wird sie nicht los. Das Buch hat Peters nicht geschrieben, um nur die schönen Seiten des Klosterlebens zu erwähnen. Es geht ihr ums Erzählen, nichts ums Werten, schon gar nicht ums Abrechnen. Schöne Momente gab es ohnehin genug. Weihnachten zum Beispiel, wenn sich die Stille wie eine Decke über das Kloster legte und in der Heilig-Nacht-Messe von den Gesängen aufgebrochen wird. Freundschaften entstehen, vor allem zu jenen Nonnen, bei denen sich Religiosität mit gesundem Menschenverstand mischt. An Individualität mangelt es im Kloster nicht, das ist der überraschende Einblick, den Peters‘ Buch gewährt.
Was war, dass am Ende doch die Zweifel wuchsen? Dass sie plötzlich erkannte, dass sie schon längst weg ist – wie ein unerwarteter ärztlicher Befund, der das Leben in vorher und nachher teilt? An einem Frühjahrsabend 1999 packt sie ihren Rucksack. Eine alte Hose, die sie hinten im Kleiderschrank aufgehoben hat, passt noch. Mit dem Mann, den sie bereits zwei Jahre zuvor kennengelernt hat, flüchtet sie im Nachtzug Richtung Berlin. Auf den ersten Blick ein dramatischer Abgang, doch schon vorher stimmte vieles nicht mehr. Nach acht Jahren im Kloster wird ihr – gegen ihren Willen – die Leitung der Klosterbuchhandlung aufgetragen. Der Job, der für andere der attraktivste im ganzen Kloster wäre, bewegt Peters‘ Klosterleben in die falsche Richtung. »Am Ende wurde es für mich zu einem Problem, als Geschäftsfrau zu arbeiten. Das habe ich nie gewollt. Deswegen bin ich nicht ins Kloster gegangen«, beschreibt sie es heute. Peters baut den Buchladen zu einem gewinnträchtigen kleinen Betrieb um, mit Lesungen, Kinderspielecke, belletristischem wie christlichem Sortiment. Die Abtei finanziert sich zu dem Zeitpunkt nur unzureichend über Obstanbau und Werkstätten, zusätzliche Einnahmen sind dringend nötig. Peters weiß, dass sie Verantwortung trägt. Doch gegen das wachsende Gefühl der Fremdheit ist das kein Trost.
In der Buchhandlung lernt sie einen Urlaubsgast kennen, den Schriftsteller Christoph Peters, mit dem sie heute verheiratet ist. Sie bleiben in Kontakt, telefonieren und schreiben sich bald täglich. Einige Male führen sie Trennungsgespräche, ohne je zusammen gewesen zu sein. Versuchen noch eine Zeit lang am gewählten Leben festzuhalten, bis es nicht mehr geht. Mit der gemeinsamen Zugreise endet das Buch. Die Zeit im Kloster bedauert Veronika Peters nicht, die Abreise auch nicht. »Gegangen wäre ich sowieso irgendwann«, sagt sie, »mit ihm zusammen war der Neustart einfacher.« Hätte sie früher gehen sollen? Reine Spekulation. »So ist meine Geschichte. Ich habe keine andere.«
Veronika Peters: Was in zwei Koffer passt. Klosterjahre, Goldmann, 279 Seiten, 18 Euro
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