BÜCHER 4/2010

BÜCHER auf


Heft 1/2003

Gesichter & Geschichten

 

 

Der italienische Poet

Alessandro Baricco verzaubert uns. Immer wieder. Ganz neu.

 

»Erfolg ist ein ungeheurer Antrieb. Du spürst, dass du wirklich existierst.«

 

Seine Bücher sind stürmisch wie das Meer. Und sanft wie »Seide«. Mit diesem Roman wurde Alessandro Baricco berühmt. Doch jetzt legt er einen Roman über die Rache vor.

 

Text: Carolin Fischer

Fotos: Daniel Lathwesen

 

 

 


 

 

Italien entdeckt das Lesen wieder, genauer: das öffentliche Vorlesen. Ob in den Gefängnissen oder direkt auf der Piazza – wenn Dante rezitiert wird, drängen sich die Zuhörer noch auf dem Vorplatz.

 

Ein Protagonist dieser Renaissance ist Alessandro Baricco. Nachdem sein Welterfolg »Seide« inzwischen in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde, gibt er nun vor dem italienischen Publikum Homers »Ilias« zum Besten und tourt damit durchs Land.

 

Zum Internationalen Berliner Literaturfestival ist der 45-Jährige gekommen, um seinen neuen Roman »Ohne Blut« vorzustellen. Doch er überrascht das bis auf den letzten Platz gefüllte Auditorium, indem er einen deutschen Schauspieler neben sich bittet, aus dem Ende von Homers »Odyssee« vorzutragen: die Heimkehr des Helden und seine blutige Rache an den Freiern, die versuchten, seine Frau zu einer neuen Hochzeit zu drängen. Auch in »Ohne Blut« geht es um eine Abrechnung; dem Titel zum Trotz ist es die Geschichte eines blutigen Fememordes und seiner Folgen. Doch Baricco hat Homer nicht ausgewählt, um sich selbst in diese illustre Traditionslinie einzureihen. Er will den Zuhörern zeigen, weshalb die »Odyssee« ein so großartiges Werk ist, dass sie die Jahrtausende überdauert hat.

 

So viel Bescheidenheit ist vielversprechend für das Interview am folgenden Tag, aber dann lässt er auf sich warten. Starallüren? Keineswegs. Er erscheint wie immer, Wuschelkopf, Dreitagebart, Jeans. Es tut ihm Leid, aber er sei zu Fuß gekommen, um etwas von Berlin zu sehen, und der Weg war länger als erwartet. »Ich liebe es, anderen Menschen zu begegnen, deshalb übe ich auch verschiedene Berufe aus, spiele Theater und habe eine Schule für junge Autoren gegründet. Als Schriftsteller trete ich nicht so gern öffentlich auf, denn mit der Zeit fällt es mir immer schwerer, über meine Bücher zu sprechen. Am liebsten würde ich sie einfach nur schreiben und basta.«

 

Alessandro Baricco ist kein Märchenonkel. Kein verträumter Poet, wie man denken könnte, wenn man seine Zauberbücher liest. Die von einem berühmten Pianisten erzählen, der sein ganzes Leben auf einem Schiff verbringt und mit den Wellen tanzt (»Novecento«). Von einem Maler, der seine Bilder mit Meerwasser malt (»Oceano Mare«). Oder eben von dem reisenden Seidenhändler Hervé Joncour, der sich in die Augen einer schönen Japanerin verliebt.

 

Er ist ein rundum interessierter Intellektueller und ein großartiger Erzähler. Nach seinem Philosophiestudium hat Baricco sein Geld mit Musikkritiken für diverse Tageszeitungen verdient. Im Fernsehen hat er eine Literatursendung moderiert. 1994 gründete er dann in Turin eine Schule für kreatives Schreiben, die Scuola Holden: »Ich übernehme am liebsten die Kurse, in denen es eben nicht um klassische literarische Formen, also um Romane oder Novellen geht. Ich arbeite gern mit den Studenten, die zum Beispiel Drehbücher schreiben.«

 

Ob er rauchen dürfe, fragt Baricco, bevor er sich die erste Zigarette anzündet. Es folgt eine nach der anderen, was in seltsamem Kontrast zu der entspannten Körperhaltung und der ruhigen Aufmerksamkeit steht, mit der er zuhört und antwortet. Er bleibt auch dann noch moderat, wenn er über die aktuelle politische Lage in Italien spricht. Ganz Demokrat, erkennt er die Entscheidung für Berlusconi an. Selbst als er zugibt, empört über die Situation zu sein, bleibt sein Tonfall sachlich.

 

»Am liebsten würde ich einfach nur schreiben und basta.«

 

In völligem Gegensatz zu diesem Erscheinungsbild steht zumindest die erste Hälfte von »Ohne Blut«. Hier schildert Baricco ebenso packend wie blutig die Rache, die vier Männer an Manuel Roca nehmen, der im Bürgerkrieg als Arzt politische Gegner systematisch gefoltert haben soll. Der Leser ist von dem Geschehen gleichermaßen gebannt und abgestoßen. Die Vorwürfe von Rocas Gegnern klingen glaubwürdig, doch sie werden voller Mordlust gezeigt, er hingegen als besorgter Vater. So bleibt die Wahrheit in der Schwebe. Rocas Tochter Nina entgeht dem Massaker durch ein doppeltes Wunder: Sie kann sich verstecken und überlebt dann sogar, als das Haus nach vollbrachter Tat abgebrannt wird. Im zweiten Teil des Romans trifft sie als alte Dame einen der Mörder wieder.

 

Spätestens mit diesem Roman beweist der Autor, dass er ganz realistische Figuren entwerfen kann, die nicht dem Reich der Fantasie entspringen. Außerdem verzichtet er darauf, die eigenen Erfolgsrezepte zu wiederholen, sondern legt ein Buch vor, das sich in vielerlei Hinsicht von seinem Bestseller »Seide« unterscheidet. »Es ist eine Frage der intellektuellen Redlichkeit, der Treue zu den eigenen Absichten. Entscheidend ist die Fähigkeit, dem Bild zu widerstehen, das die Welt sich von uns macht. Als Schriftsteller muss ich ständig meine eigene Stimme suchen und eben nicht die Stimme, die das Publikum hören möchte. Mitunter fällt mir die Entscheidung auch schwer.« So freundlich gelöst, wie Alessandro Baricco mit seiner Zigarette dasitzt, erweckt er beinahe den Eindruck, auf den riesigen Erfolg auch verzichten zu können. Oder ist er vielleicht die Basis für seine Gelassenheit? »Erfolg ist ein ungeheurer Antrieb. Du spürst, dass du wirklich existierst. Denn das ist ein Hauptproblem für Schriftsteller, dass sie sich oft nicht sicher sein können, wirklich zu existieren. Zum Glück hatte ich erst Erfolg, als ich nicht mehr ganz jung war. Was ich nach ›Seide‹ geschrieben habe, war tatsächlich ganz anders, ist auch weniger gelesen geworden. Und ich habe es überlebt und bin trotzdem glücklich.« Und er lacht.

 

Alessandro Baricco: Ohne Blut,

Hanser, 104 Seiten, 12,90 Euro

 

Bariccos schönste Bücher

Alessandro Baricco wurde 1958 in Turin geboren. Nach dem Studium der Philosophie verdiente er sein Geld als Musikkritiker und TV-Moderator, bis sein Roman »Seide« ihn weltberühmt machte. 1994 gründete er die Scuola Holden in Turin, die mittlerweile Italiens berühmteste Schule für kreatives Schreiben ist.

 

Land aus Glas, Piper, 270 Seiten, 5,90 Euro. Mr. Rail, Direktor einer Glasfabrik, träumt davon, eine schnurgerade Eisenbahnlinie in die Unend-lichkeit zu bauen. Alle anderen träumen von den Lippen seiner Frau Jun.

 

Seide, Piper, 132 Seiten, 7,90 Euro. Hervé hat einen seltsamen Beruf: Er ist Seidenhändler. In Japan verliebt er sich unsterblich in ein Paar Augen.

 

Novecento, Piper, 82 Seiten, 7,90 Euro. Der Pianist Novecento wird an Bord eines Schiffes geboren, das er nie verlässt. Aber alle kommen, ihn zu hören.

 

Oceano Mare, Piper, 277 Seiten, 5,25 Euro. Irgendwo am Meer versammelt sich ein seltsames Völkchen in der Pension Almayer: ein verträumter Maler, eine untreue Gattin und Eliswin, die von ihrer Sensibilität geheilt werden soll.

 

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